FFHH 2018: Yuli

Neben Film und Feminismus ist Kuba meine große Leidenschaft. Viermal war ich bereits dort und ich bin noch immer, trotz aller Schattenseiten, über beide Ohren verliebt in das karibische Eiland. Insofern gehört jeder Film über Kuba, den ich bei einem Festival finden kann, für mich zum Pflichtprogramm. Erst recht, wenn er von einer Regisseurin stammt, wie im Fall von Icíar Bollaíns Film Yuli.

Gleichzeitig birgt diese Verschränkung verschiedener Leidenschaften auch Gefahren, denn wie objektiv sein, wenn so viel Liebe und Leidenschaft mit dem Thema verbunden sind? Und so ist die folgende Rezension von Yuli im Grunde keine Rezension, sondern eine Reflektion. Mein Text tut das, was Filmkritik niemals tun darf: Das thematisieren, was der Film NICHT ist. Doch wenn mir etwas an Yuli besonders auffiel, dann war es die Fülle ungenutzten Potentials, die – meiner bescheidenen Meinung nach – eine Folge kolonialer Produktionsstrukturen ist.

© Piffl Medien GmbH

Der Film erzählt die wahre Geschichte des Schwarzen kubanischen Balletttänzers Carlos Acosta, genannt Yuli, der – ursprünglich von seinem Vater im wahrsten Sinne des Wortes zum Tanzen geprügelt – in der westlichen Welt Karriere machte, bevor er schließlich wieder nach Kuba zurückkehrte. Das Drehbuch von Paul Laverty fokussiert sich dabei auf die Kindheit und das junge Erwachsenenalter und spart die Jugend wie auch die Rückkehr Yulis weitgehend aus.

Was aber vor allem ausgespart wird, ist Kuba. Das mag auch daran liegen, dass die Regisseurin Spanierin, der Drehbuchautor schottisch-irischer Abstammung ist. Es beginnt mit der Kleidung der Menschen in den Kindheitspassagen, die ich mir weder im Kuba der 70er noch heute vorstellen kann. Allein die schmucken Turnschuhe Yulis entspringen eindeutig einer anderen Welt, nämlich einer europäischen. Auch die immer blank polierten Oldtimer und der ewige Sonnenschein über den “hübschen” Ruinen Havannas zeichnen das Ideal-Bild eines romantisch-verfallenen Kubas, wie wir es in Reisekatalogen, ganz sicher aber nicht in der Lebensrealität der Kubaner_innen finden.

Lücken bleiben auch bezüglich der Geschichte des Landes. Yuli ist ein erschreckend unpolitischer Film, der sich kaum für die junge kubanische Geschichte interessiert, die schwierige wirtschaftliche Situation durch das Handelsembargo nur ganz am Rande abhandelt und selbst die sogenannte Spezialperiode der 90er, als Kuba durch den Zerfall der Sowjetunion seinen einzigen Handelspartner verlor, nur durch das Thema Flucht abbildet. Wovor die Menschen aber davon laufen, die immense Armut, Lebensmittelknappheit und Verzweiflung bleiben unsichtbar, wie überhaupt jegliche Nöte der kubanischen Bevölkerung maximal in gestelzten Dialogen angesprochen, niemals aber erfahrbar gemacht werden. Hier zeigt sich die große Schwäche des Buches von Paul Laverty, das jeglichen Kontext, sei er historisch, kulturell oder soziologisch, von den Figuren referieren lässt anstatt ihn auf der Handlungsebene zu erzählen.

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Eine bedauerliche Lücke entsteht auch in kultureller Hinsicht. Obwohl Yulis Vater Anhänger der Santería Religion ist und auch der Spitzname seines Sohnes aus diesem Kontext stammt, spielt die folkloristische Tradition Kubas hier überhaupt keine Rolle. Dabei existiert zwischen Ballett und afrokubanischer Rumba, die eng mit dem Santería-Kult verbunden ist, durchaus ein interessantes Spannungsfeld, da letztere von Seiten der sozialistischen Regierung als urkubanische Ausdrucksform gegenüber den westlichen Tanzstilen favorisiert wurde. Umso erstaunlicher ist es in meinen Augen, wenn Yulis Vater den begabten Sohnemann in die Ballettschule schleppt – eine Entscheidung, die der Film völlig zu beleuchten versäumt, vermutlich weil sie aus europäischer Perspektive auf der Hand liegt.

Die größte Lücke aber klafft im inneren Konflikt der Hauptfigur, dem vielleicht spannendsten und ergreifendsten Teil der gesamten Geschichte. Wie die meisten Exilkubaner_innen ist Yuli mit großer Sehnsucht nach seiner Heimat bei gleichzeitiger Freude an den Bequemlichkeiten der kapitalistischen Welt konfrontiert. Doch selbst in Kuba ist er als Mensch mit Geld und Reisefreiheit plötzlich ein Fremder. Diese innere Zerrissenheit, die Suche nach Identität und schließlich die Entscheidung, das Leben in der Ferne aufzugeben, böten eine ergreifende Geschichte mit vielfältigen Möglichkeiten zur Identifikation. Doch auch dieses Potential bleibt weitgehend ungenutzt.

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Was bleibt aber zwischen allen diesen Lücken noch übrig? Ein sehr gewöhnlich erzähltes filmisches Portrait mit klassischer Rahmen- und Binnenhandlung und natürlich ausgiebigen Tanzszenen. Doch weder das Tanzen, noch das Land Kuba noch die Figur Carlos Acosta können echte Faszination oder Begeisterung wecken. Das Ganze wirkt unausgegoren, wirft einzelne Themen auf, ohne sie zu verfolgen oder in einen kohärenten Zusammenhang zu stellen. Als hätten die Filmemacher_innen ihre eigene Story selbst nicht ganz verstanden.

Und vielleicht ist genau das hier das eigentliche Problem: die europäische Perspektive auf eine kubanische Geschichte. Warum entsteht eine solche filmische Biographie nicht unter der Regie einer kubanischen Regisseurin, das Drehbuch nicht durch die Feder eines kubanischen Autors, also durch Menschen, die die komplexe kubanische Realität abbilden und verständlich machen können? Die nicht nur ein Bild des Landes abseits der Reisekataloge zeichnen, sondern auch die kubanische Seele ergründen und filmisch zum Leben erwecken, die Carlos Acostas innere Konflikte begreifen und sichtbar machen und uns etwas anderes erzählen können als ein völlig austauschbares Bio-Pic, dessen Held wir nach Verlassen des Kinos sofort wieder vergessen haben?!

Ich habe keine Freude daran, Filme zu zerreißen und insbesondere im Falle von Regisseurinnen schreibe ich oft lieber gar nichts als eine vernichtende Kritik. Aber Yuli hat mich aus den dargelegten Gründen wirklich traurig und wütend gemacht und es liegt mir am Herzen, zumindest meiner kleinen Leser_innenschaft zu kommunizieren, dass dieser Film all seinen Behauptungen zum Trotz, mit Kuba ziemlich wenig zu tun hat. Wer Tanzfilme liebt, der möge dennoch hineingehen. Denn für die Performances von Carlos Acosta, der sich zum Teil selbst spielt, lohnt sich der Film dann vermutlich trotzdem.