Drei Gedanken zu: A Star Is Born

In seinem Regiedebüt A Star Is Born erzählt Bradley Cooper angeblich die Geschichte der aufstrebenden Sängerin Ally, verkörpert von keiner Geringeren als Lady Gaga, und mimt selbst deren selbstzerstörerischen Freund beziehungsweise Ehemann Jack. Und wo Lady Gaga drauf steht, da musste ich unbedingt genauer hinsehen und habe mir „Drei Gedanken“ gemacht.

@ Warner Brothers

1. Eine einzige Frauen*figur ist mehr als genug

Schon die Figurenaufstellung der Geschichte ist aus feministischer Sicht gelinde gesagt unterirdisch. Neben der jungen aufstrebenden Sängerin Ally gibt es keine weitere Frau*, die einen wie auch immer gearteten Einfluss auf die Handlung hätte. Neben dem unangefochtenen Helden der Geschichte, der eine große Rolle in Allys Leben spielt, tritt noch ein Manager mit jeder Menge dramaturgischer Macht auf. Allys Familie besteht aus ihrem Vater und dessen Kollegen, die – aus welchem Grund auch immer – alle gemeinsam in einem Haus leben. Frauen* gibt es dort nicht Selbst Allys engster Vertrauter ist ein Freund. Freundinnen schient sie nicht zu besitzen. In Jacks sozialem Umfeld sieht es ähnlich aus. Auch hier spielen der Bruder und der verstorbene Vater die Schlüsselrolle in der Familienaufstellung. Der einzige Moment, in dem neben Ally weitere Frauen* einen Dialog führen, ist zu Beginn des Films, wenn sich das zukünftige Liebespaar in einer Drag Bar kennenlernt, in der Ally eine Chanson-Nummer vorträgt. Die anderen Performerinnen hingegen spielen im weiteren Verlauf der Handlung keine Rolle mehr.

Es ist mir ein absolutes Rätsel, wie diese vollständige Abwesenheit von Frauen* im Produktionsprozess untergehen konnte, beziehungsweise stelle ich mir die Frage, ob Bradley Cooper uns hiermit irgendetwas sagen möchte. Vielleicht so etwas wie: Die Welt wird von Männern* gemacht? Eine subtile Kritik an patriarchalen Strukturen? Ich fürchte jedoch, es handelt sich hier lediglich um den klassischen blinden Fleck eines rein männlichen* Filmteams. Das Drehbuch nämlich wurde, wenig überraschend, ausschließlich von Männern* verfasst.

© Warner Brothers

2. Eine Frauen*figur braucht keine eigene Geschichte

Das klassische weibliche* Love Interest in einem klassisch aus männlicher* Perspektive erzählten Film dient allein dazu, den Charakter der männlichen* Hauptfigur weiterzuentwickeln, ohne eigene Ziele zu verfolgen oder auch nur zu besitzen. Auf den ersten Blick scheint das natürlich bei der Geschichte einer Musikerin auf dem Weg zum Ruhm nahezu unmöglich. Aber dafür bin ich ja da: Um euch vor Augen zu führen, dass Ally hier dennoch keine eigene Geschichte besitzt.

Das Überraschungstalent, dessen Entdeckung natürlich nur auf Jacks Kappe geht, gibt dem strauchelnden und schwerst alkoholabhängigen Musiker neue Lebensenergie und auch Kreativität. Sie ist eine Muse für Kunst und Alltag. Doof nur, dass Ally auf Grund ihres Erfolgs bald von einem anderen Mann, dem Manager Rez, abgeworben wird und andere musikalische Wege geht. Was natürlich zur Fortsetzung jener Abwärtsspirale in Jacks Leben führen muss, mit der er in den Film eingestiegen ist.

Befremdlich ist bei all dem, dass Allys Karriere sich nicht aus ihrem eigenen Antrieb entwickelt. Es ist Jack, der sie zu ihrem ersten Auftritt auf die Bühne zerrt. Er entscheidet über ihren Widerspruch hinweg, welche Songs sie später auf der gemeinsamen Tour zu singen hat. Diese Aufgabe, nämlich über Allys künstlerisches Schaffen zu bestimmen, wird anschließend von Manager Rez übernommen, der diese Fremdsteuerung auf die Spitze treibt, wenn er die Songwriterin in ein Popsternchen verwandelt – inklusive neuen Looks. Immer wieder klingt an, dass Ally von dieser Metamorphose, die ihr zugegebener Maßen zu großem Ruhm verhilft, nicht überzeugt ist, dass sie sich selbst auf den riesigen Plakaten nicht wiedererkennt, dass sie eigentlich gar keine Background-Tänzer_innen auf der Bühne haben möchte und so weiter. An dieser Stelle tritt dann Jack als das vermeintlich bessere Gegenüber auf, wenn er Ally wiederholt darauf hinweist, sich in der Welt der Stars und Sternchen selbst verloren zu haben.

Aber im Grunde interessiert sich Jack genauso wenig dafür, was Ally eigentlich möchte, wie Rez. Und den Film interessiert es ebenso wenig. Was die junge Frau* sich für ihr Leben wünscht, was ihre Ziele, Träume und Ängste sind – das ist A Star Is Born erschreckend egal. Der innere Konflikt zwischen Ruhm und dem Verlust der eigenen Identität, bleibt in den Ansätzen stecken und existiert ohnehin weitgehend in Jacks Projektion, nicht aber in einem Einblick in Allys Gefühlswelt. Und da ihr eben jener innere Konflikt fehlt, kann sie als Figur auch nicht wachsen. Sie bleibt das hübsche Beiwerk für Jacks Charakterentwicklung. So spielt auch ihre Karriere im Grunde nur dann eine Rolle, wenn sie einen Einfluss auf Jacks beruflichen und privaten Lebensweg ausübt.

© Warner Brothers

3. Betrunkene Männer sind unwiderstehlich

Am fatalsten nämlich gestaltet sich die Love Story an sich, die Alkoholismus und Co-Abhängigkeit romantisiert und einen weiteren Beitrag dazu leistet, dass Frauen* sich für die „falschen Männer*“ entscheiden. Das nämlich, so möchte ich mal die steile These formulieren, liegt nicht an unserer hormonbedingten Unzurechnungsfähigkeit, sondern vor allem auch daran, dass unsere Popkultur Sexismus, psychische Gewalt, Stalking oder eben auch Alkoholismus romantisiert. Frei nach dem „Boys will be boys“-Schema werden Frauen* damit immer wieder subtil motiviert, ungesunde Beziehungsstrukturen als Zeichen inniger Liebe zu deuten.

Von Anfang an verhält sich Jack übergriffig. So respektiert er beispielsweise Allys „nein“ zu seiner Einladung zu einem Konzert nicht und lässt sie so lange durch seinen Chauffeur stalken, bis sie sich umentscheidet. Hach, wie zauberhaft!

Der erste Sex bahnt sich an, während Ally schläft – ein Moment, in dem sie keine Zustimmung artikulieren kann. Und das, wohlgemerkt, nachdem Jack ein paar Stunden zuvor in ein katatonisches Alkoholkoma entschlafen ist. Aber ja, ich finde es auch unfassbar sexy, wenn eine Alkoholleiche, die ich kaum kenne, mir nachts an die Brüste fasst.

Alles an dieser Begegnung sollte Alarmglocken schrillen lassen: der Alkohol, der immense Altersunterschied (der niemals thematisiert wird), die Übergriffigkeit. Doch Ally ist hin und weg, schwer verliebt. Und sie bleibt es. Über Jacks Ausfälle hinweg, seine verbalen Angriffe, die Blamagen in der Öffentlichkeit. Nach seinem ersten massiven alkoholinduzierten Absturz in dieser Beziehung wird dann auch direkt geheiratet. Es ist einfach der ideale Moment, um sich an diesen Mann* zu binden…

Zunächst hoffte ich noch, der Filme werde dies thematisieren, Jack als subtil abusiven Partner entlarven, die Problematik der Beziehung aufzeigen, in der sich Ally bis zum äußersten für das Wohl ihres Partners aufopfert. Doch mitnichten, stattdessen wird Jack durch die Geschichte immer mehr als tragischer Held überhöht. Auch wenn sich Ally wiederholt aufbäumt und versucht Grenzen zu ziehen, kann letztlich doch nichts ihre Liebe zu Jack trüben. Und so bleibt sie demütig und voller Hingabe das hübsche Beiwerk, während Jacks Drama das einzige ist, was ihn und den Film interessiert.

Der Narzissmus mit dem sich Filmemacher Bradley Cooper hier selbst ins Zentrum der Geschichte schreibt, um mit vollendeter Verve den tragischen Helden zu mimen, ist grenzenlos und zutiefst unsympathisch, ja erschreckend gar. Diesen Film kann auch die großartige Lady Gaga nicht retten.

Kinostart: 4. Oktober 2018