Still Alice – Viel mehr als ein Alzheimer-Drama

Die Krankheit Alzheimer drängt schon seit einigen Jahren vermehrt in den Film- und Fernsehmainstream. Sie spielt eine tragende Rolle in der Familiengeschichte von Serienheldin Meredith Grey (Grey’s Anatomy), sie ist untrennbar verknüpft mit der Weltrevolution der Primaten im Planet der Affen Reboot, David Sieveking widmete mit Vergissmeinnicht der Alzheimererkrankung seiner Mutter einen ganzen Dokumentarfilm und Til Schweigers Honig im Topf war wochenlang an der Spitze der deutschen Kinostarts. Doch Still Alice ist mehr als nur die Fortsetzung dieser Aufzählung. Es geht nicht um eine Krankheit, sondern um eine Frau, die mit allem was sie hat um ihre Selbstbestimmung und Unabhängigkeit kämpft.

© Polyband

© Polyband

Alice (Julianne Moore) ist eine angesehene Kognitionswissenschaftlerin, die sich insbesondere mit dem Spracherwerb beschäftigt. Voll bitterer Ironie sind daher die ersten Wortfindungsstörungen, die trotz ihres jungen Alters auf eine fortschreitende Alzheimer-Erkrankung hindeuten. Wie geht eine Frau, die sich über ihre Intelligenz definiert, mit einer Krankheit um, die sie eben jener Kapazitäten beraubt? Wie geht eine liebende Mutter damit um, dass sie ihren Kindern mit großer Wahrscheinlichkeit eine tödliche und qualvolle Krankheit vererbt hat? Still Alice widmet sich vor allem diesen Fragen und betrachtet alle Ereignisse aus der Perspektive der weiblichen Hauptfigur. Das kann dazu führen, dass wir als Zuschauer von einem plötzlichen Zeitsprung aus der Bahn geworfen werden. Aber so wie Alice nach und nach das Zeitgefühl verliert, müssen auch wir uns immer wieder neu orientieren.

Die Regisseure Richard Glatzer und Wash Westmoreland lassen uns nicht auf Alice schauen, sondern durch ihre Augen hindurch. Wir erleben ihre zunehmende Verwirrung mit, sind ganz nah an ihrer Verzweiflung über den Verlust der geistigen Fähigkeiten, an ihrer Scham und ihren Schuldgefühlen. Die berührende Musik von Ilan Eshkeri tut zugegebener Maßen ihr Übriges, um dabei ordentlich auf die Tränendrüse zu drücken. Doch Still Alice ist kein billiges Gefühlskino. Julianne Moore beweist einmal mehr ihr Können, wenn sie die physische und geistige Entwicklung ihres Leinwandcharakters durch ein gekonnt körperliches Schauspiel glaubwürdig vermittelt. Von einer dynamischen, selbstbewussten Frau wird sie zu einer hilflosen Person mit hängenden Schultern, in deren Gesicht sich die Leere der verlorenen Erinnerung spiegelt.

STILLALICE_12_JulianneMoore(Alice)©BSMStudio.

© Polyband

Das Entscheidende aber ist, dass Alice trotz allem niemals zum Opfer wird. Sie bleibt stets eine Akteurin, die ihren Krankheitsverlauf bewusst erlebt und wo immer sie kann, Gegenmaßnahmen ergreift. Sie programmiert sich ein Handy-Quiz um regelmäßig ihren Geisteszustand zu überprüfen. Sie besichtigt vorsorglich Pflegeheime und nimmt für sich selbst ein Informationsvideo auf, in dem sie ihr späteres, dementes Ich über die Krankheit informiert und für eine bittere Notlösung instruiert. Ja, es gelingt ihr sogar mit entsprechenden Hilfsmitteln einen Vortrag über ihre Krankheit zu halten. In all dem liegt freilich auch Tragik. Doch wichtiger ist, dass sich Alice niemals aufgibt. Bis zur letzten Filmminute kämpft sie um ihre Unabhängigkeit und ist doch gleichzeitig stark genug, in Momenten großer Schwäche die Hilfe anderer anzunehmen.

In der Stärke der Figur und in ihren Bemühungen an ihrer Selbstbestimmung festzuhalten, liegt das eigentliche Drama. Still Alice erzählt die Geschichte einer selbstbewussten und unabhängigen Frau, die nicht nur ihrer körperlichen Degeneration entgegen blickt, sondern auch ihrer fortschreitenden und schließlich vollkommenen Abhängigkeit. Damit bietet Alice einen deutlich größeren Identifikationsrahmen als dies mit einer ausschließlich pathologischen Perspektive der Fall wäre. Alice ist mehr als ihre Diagnose, nämlich eine Frau, die sich sowohl durch ihre wissenschaftliche Karriere als auch durch ihre Mütterlichkeit auszeichnet und damit eine Komplexität besitzt, wie wir sie bei weiblichen Filmfiguren viel zu selten sehen.

Erklärungen für die Authentizität und Stärke der Figur sowie für die gelungene Innenansicht könnte ich viele nennen. So ist ein Part des Regie-Duos Glatzer-Westmoreland selbst von einer schweren degenerativen Krankheit betroffen, besitzt also eine besondere Sensibilität dem Thema gegenüber. Der Film basiert auf dem Buch Mein Leben ohne Gestern (übrigens auch der deutsche Verleih-Untertitel) der Neurowissenschaftlerin Lisa Genova, die hier wissenschaftliche Expertise wie auch die weibliche Perspektive einfließen lassen kann. Aber was auch immer die Gründe sein mögen, Still Alice ist nicht nur ein mitreißendes, weil grandios gespieltes und inszeniertes Alzheimer-Drama, sondern auch ein emanzipatorisch wertvoller Film. Weil er der weiblichen Hauptfigur eine immense Komplexität zugesteht, sie nicht auf Klischees reduziert und sich einer schwarz-weiß Zeichnung verweigert. Weil er Selbstbestimmung und Unabhängigkeit als ein allgemein menschliches und nicht nur männliches Bedürfnis postuliert und weil er seiner Hauptfigur die Würde lässt. Still Alice verzichtet auf eine elendsvoyeuristische Beobachtung und steht der Hauptfigur bis zur letzten Minute eine starke und unabhängige Persönlichkeit zu. Was die Krankheit ihr genommen hat, gibt der Film ihr zurück. Damit wird Alice nicht nur zu einer Identifikations- sondern auch zu einer Vorbildfigur, die auch gesunden Frauen Mut macht, für Selbstbestimmung zu kämpfen. Großartig!

Kinostart: 5. März 2015