Filmkritik: Body

Unsere Körper sind die physische Hülle unseres metaphysischen Geistes. Sie sind Masse im Raum. Es gibt große und kleine, dicke und dünne Körper, doch insbesondere wenn es um Frauen* geht, scheint nur eine einzige Form annehmbar zu sein. Wenn Malgorzata Szumowska magersüchtige Mädchen* in Überbelichtung vor einer weißen Wand aufreiht, dann wird der Zusammenhang zwischen Körpermasse und Körperkult besonders deutlich: Die jungen Frauen* scheinen förmlich im Hintergrund zu verschwinden.

Seht mich verschwinden heißt der Film über Isabell Caro und ihre Magersucht. Das Aushungern des Körpers ist auch in der Dokumentation von Kiki Allgeier ein Akt der Unsichtbarmachung, des Zusammenschrumpfens auf immer weniger Masse. Es ist die ultimative Kapitulation gegenüber einer sexistische Gesellschaft, die weibliche Körper gleichzeitig ausstellt und tabuisiert.

© Peripher

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In der einleitenden Therapiesitzung der Hauptfigur Anna (Maja Ostaszewska) mit ihren mageren Klientinnen* wird dieser Akt der Aggression umgedreht und wieder nach außen gerichtet. Die Mädchen* sollen wieder zu einer Stimme finden. Denn auch Lautstärke nimmt Raum ein. Doch die körperliche Therapieform hat noch einen weiteren Effekt: Sie verbindet das psychische und physische Ich wieder zu einer Einheit. Gefühle dürfen körperlich ausagiert, der Raum zurückerobert werden.

Körper und Geist, das sind die Gegensätze mit denen Malgorzata Szumowska in ihrem Film spielt. Ersterer ist vergänglich, aber letzterer bleibt erhalten. So denkt zumindest Anna, die als Medium Nachrichten von den Toten überbringt. Bei Staatsanwalt Janusz (Janusz Gajos) jedoch beißt sie auf Granit. In Reaktion auf die physischen Gräuel, die er in seinem Job erlebt, hat der Witwer seine Emotionen verdrängt und sicher verstaut. So ist es ihm auch nicht möglich, seiner bulimischen Tochter Olga (Justyna Suwala) eine Hilfe zu sein. Als diese zum wiederholten Male versucht, sich das Leben zu nehmen, lädt ihr Vater sie in eben jener Klinik ab, in der das Medium Anna tätig ist. Die Therapeutin realisiert schnell, dass der Tod von Olgas Mutter die Wurzel allen Übels ist und bietet ihre Hilfe an.

© Peripher

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Hinsichtlich der übersinnlichen Sphäre bleibt Body stets ambivalent. Es gibt Zeichen für die Existenz einer Geisterwelt, doch werden diese stets umgehend dekonstruiert. Aus der Frage, ob die mysteriösen Ereignisse in Januszs Wohnung tatsächlich auf einen Spuk seiner Frau zurückzuführen sind, generiert Malgorzata Szumowska den Spannungsbogen ihrer Geschichte. Das Publikum soll sich nach einer Auflösung sehnen, nach einer Antwort auf die Frage nach der Legitimität von Spiritualismus. Doch die Welt ist zu komplex für einfache Antworten.

Komplex ist auch Body, der verschiedene Themen miteinander verwebt. Da ist das Thema der Körperlichkeit, die Differenzierung von Körper und Geist bei gleichzeitiger Notwendigkeit ihrer Verbindung. Zudem formuliert Malgorzata Szumowska eine deutliche Kritik am Patriarchat, das durch den Leiter der Psychiatrie repräsentiert wird. Er steht für eine Gesellschaft, die Frauen* pathologisiert anstatt nach den Ursachen für ihr vermeintlich problematisches Verhalten zu suchen. Selbstredend hält der Chefarzt auch von Annas Behandlungsmethoden herzlich wenig wie er auch die Therapeutin selbst diskreditiert, weil sie nicht in sein stereotypes Frauenbild passt. Unverheiratet, kinderlos, „alt“. Der Teufelskreis ist perfekt, wenn deutlich wird, dass die krankmachenden Körpernormen durch die behandelnde Klinik reproduziert werden. Das System ernährt sich selbst.

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Ein weiterer Themenkomplex in Body ist das Thema Mutterschaft. Olga leidet unter dem Verlust der Mutter, die in der Familie eindeutig die Rolle der Herzlichen und Liebevollen eingenommen hat. Anna wiederum hat ihr Kind verloren, spielt ihrer eigenen Mutter jedoch eine heile Welt vor und eine anonyme Frau tötet ihr Neugeborenes auf brutale Weise in einer Bahnhofstoilette. Problematisch ist Mutterschaft also in allen Kontexten und stets ist sie eng verzahnt mit dem Thema stereotyper Weiblich- und Körperlichkeit.

Der vielleicht bedeutendste Themenkomplex ist das Ausagieren von verborgenen Emotionen und das Eingehen von zwischenmenschlichen Beziehung. Olgas Bulimie ist nichts anderes als die Sichtbarmachung von Wut und Trauer. Ihr Vater hat kein Ventil für seinen Verlustschmerz, sondern ertränkt ihn im Alkohol. Wo keine Emotionen ausagiert werden, kann auch keine Beziehung entstehen. Olga und Janusz sind einander völlig fremd. Dieses Gefühl der Fremdheit schlägt sich auch im Stil des Films wieder, der mit einem betont langsamen Tempo und oft statischen Einstellungen arbeitet. Body ist ebenso distanziert zu seinem Publikum wie seine Figuren zueinander.

© Peripher

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Inmitten all dieser Themenkomplexe geht die Handlung zuweilen verloren. Malgorzata Szumowska opfert die Narration ihren zahlreichen Motiven und fordert das Publikum damit gehörig heraus. Nicht nur, weil sich die Erzählung trotz des sanften Humors zuweilen schleppend gestaltet, sondern auch weil Szumowska Rätsel aufgibt, ohne eine Lösung anzubieten.

Auch das Ende mag sich nicht umgehend erschließen, wirkt kitschig und deplatziert, in gewisser Weise aber auch konsequent. Es gibt eben keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen. Und die Realität, das macht Body sehr deutlich, ist unendlich komplex. Patriarchat, Körperkultur, Spiritualität, Empathie und Beziehungen – all diese Dinge können nur zusammen und nicht isoliert gedacht werden und sie zu verändern ist umso aufwendiger. Aber ein gemeinsames Lachen ist auf jeden Fall ein guter Anfang.

Kinostart: 29. Oktober 2015