Das fehlende Grau – Borderline ist Borderline ist Borderline ist…

Einer der Wege, die Borderline-Störung mit Hilfe einer Metapher zu erklären, ist das Fehlen des Graus. Das Leben von Borderline-Patient_innen, so die Annahme, gestalte sich ausschließlich in schwarz-weiß-Perspektiven. Graustufen, also Zwischentöne außerhalb der Entweder-Oder-Extreme, existierten in ihrer Wahrnehmung nicht. Ob dem wirklich so ist, sei einmal dahingestellt. Ich habe eine ganz eigene Einstellung zu diesem Krankheitsbild, aber dazu später mehr.

© Real Fiction

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Das fehlende Grau von Nadine Heinze und Marc Dietschreit zeigt Ausschnitte aus dem Leben einer Borderline-Erkrankten, ohne ihre „psychische Störung“ als solche zu benennen. Wir sehen keine klassischen Symptome wie das Aufritzen der Haut und auch der Rückblick auf eine traumatisierende Kindheit, gerne als Erklärungs- und Ursachenmodell herangezogen, fehlt in dieser Geschichte. Stattdessen begleiten die Filmemacher_innen ihre Protagonistin durch verschiedene zwischenmenschliche Begegnungen, vorrangig mit Männern.

Die Dramaturgie wirkt zunächst verworren, lässt sich doch nur mühevoll eine Chronologie erahnen. Im Verlauf des Films jedoch wird der Sinn dieses Episoden-Mosaiks erkennbar. Jede der Begegnungen verläuft in sich chronologisch, wird nur selten durch kleine Rückblenden unterbrochen, und erzeugt Spannung hinsichtlich ihres Ausgangs. Und jede der Begegnungen verläuft ähnlich. Es gibt eine Annäherung, ein Spiel und einen Bruch. Rätselhaft bleibt recht lange das Aufeinandertreffen der jungen Heldin mit einem kleinen Mädchen, das zunächst nicht eindeutig als Kind, Schwester oder Unbekannte zu identifizieren ist.

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Ebenfalls unklar ist anfänglich die Natur der erotisch aufgeladenen Bekanntschaften der namenlosen Protagonistin. Begibt sie sich bewusst in den Kontakt zu – für die Zuschauer_innen unattraktiven bzw. unsympathischen – Männern? Wie viel Kontrolle hat sie über die Situation? Ihr vollkommener Augenaufschlag, das naive Lächeln und die strategisch wohlplatzierten Schmeicheleien deuten auf einen geplanten Flirt. Aber weshalb lässt sie sich auf diese Männer ein? Kurze Szenen ihres einsamen Alltags charakterisieren sie als Opfer, das sich mit dem Schlucken von Reinigungsmitteln und Duschgel selbst Qualen zufügt. Und so stellen sich die vermeintlich selbstbewussten Annäherung schließlich als verzweifelter Versuch heraus, eine innere Leere zu füllen.

Das Spiel mit den Männern steigert sich in seiner Grausamkeit. Die Heldin ist sowohl Opfer als auch Täterin, die die Schwäche ihres Gegenübers gekonnt ausnutzt, um es zu ihren Zwecken zu manipulieren, wobei sie sich jedoch niemals ganz klar darüber zu sein scheint, um welchen Zweck es sich hierbei handelt. Verwirrend ist denn auch die Inszenierung, die durch die sanfte Musik Sympathie für eine Frau wecken will, die anderen nachhaltige emotionale Verletzungen zufügt.

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Begegnungen dieser Art entstehen im System. Dies macht Das fehlende Grau sehr deutlich. Es braucht jemanden, der Macht ausübt, und jemanden, der sich dies gefallen lässt. Die Männer, die die Heldin im Laufe des Films „verführt“, machen es ihr ausgesprochen einfach, lassen sich in der Hoffnung auf ein bisschen Sex Gemeinheiten und Beleidigungen gefallen. Manchmal beschleicht uns das Gefühl, sie hätten diese Behandlung verdient.

Diese Ambivalenz, die offene Frage danach, wer hier eigentlich wen missbraucht oder misshandelt, ist die große Stärke von Das fehlende Grau. Ständig sind wir als Zuschauer_innen herausgefordert, die Situation neu zu durchdenken und zu bewerten. Was jedoch bleibt, ist das Bild einer „bösen Frau“, deren Motivation uns unbekannt ist.

Die Diagnose “Borderline” ist ein Stigma. Die allgemeinen Assoziationen mit diesem Krankheitsbegriff sind vornehmlich negativ. Die meisten Menschen wollen nichts mit „Boderliner_innen“ zu tun haben. Die sind nämlich gefährliche emotionale Vampire, die ihr Umfeld ins Verderben stürzen und auslaugen. Wie oft habe ich (ausschließlich von Männern, übrigens) den Satz gehört: „Meine letzte Beziehung war schrecklich für mich. Meine Ex war Borderlinerin.“ Punkt. Als wäre dies alleine eine Erklärung und ein berechtigter Aufruf zu aktivem Mitleid. Aber auch eine Borderline-Störung – wenn es sie denn überhaupt gibt und sie keine moderne Form der Freud’schen „Hysterie“ darstellt – entsteht nicht im luftleeren Raum. Die Männer in Das fehlende Grau sehen über die für uns so augenscheinliche Unsicherheit und Verletzlichkeit der jungen Frau vollkommen hinweg. Es geht ihnen nur um Sex, nicht um das seelische Wohl ihres Gegenübers. Dieser Aspekt jedoch kommt in der Darstellung von Nadine Heinze und Marc Dietschreit eindeutig zu kurz.

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Das fehlende Grau hilft daher meiner Meinung nach nicht, Verständnis für ein komplexes und stigmatisierendes Krankheitsbild zu wecken. Der Film hilft nicht dabei, Vorurteile abzubauen und einen liebevolleren Umgang mit betroffenen Menschen einzufordern. Die Auslassung des Krankheitsbegriffs droht darüber hinaus, promiskuitives Verhalten von Frauen zu pathologisieren. Und die finale Abgrenzung der Heldin, mit der sie die Männer vor den Kopf stößt, erscheint in diesem Kontext nicht wie ein rechtmäßiger Sinneswandel, sondern wie eine ungerechte Verletzung der armen männlichen Opfer.

Auf diese Weise kann Das fehlende Grau, trotz der in der Narration angelegten Ambivalenz, der Komplexität des Themas „Borderline“ nicht gerecht werden.

Kinostart: 25. Juni 2015