Berlinale 2018: Madeline’s Madeline

„You are not the cat. You are inside the cat“, spricht die Stimme am Anfang. Dabei sieht es genau andersherum aus: Wenn die Mutter ihre schnurrende Tochter am Bauch krault, wirkt es eher, als sei die Katze in Madeline (Helena Howard) gefahren. Aber was außen und was innen ist, was eine Rolle und was das tatsächliche Wesen, wer spielt und wer authentisch ist, das mag uns Josephine Decker in Madeline’s Madeline ohnehin nicht recht verraten. Oder anders formuliert: Es ist unwichtig. Wichtig ist nur, wer Regie führt!

Verschwommene Bilder, Close-Ups, verstärkte Umweltgeräusche, eine Montage jenseits der gefälligen Kontinuität des Unterhaltungskinos. Die Narration zwar weitgehend chronologisch, aber unrhythmisch, ohne klare logische Linie, assoziativ und subjektiv: Die Dinge dauern so lange wie sie sich anfühlen und nicht notwendiger Weise so lange wie sie „objektiv“ messbar wären. Und trotzdem zeigt Madeline’s Madeline ganz eindeutig eine Geschichte. Nämlich die einer Adoleszenzkrise.

Doch Josephine Decker erzählt weniger, als dass sie Eindrücke vermittelt. Wer versucht, Madeline’s Madeline zu verstehen, muss scheitern. Nur wer nicht versucht, diesen Film zu verstehen, kann ihn begreifen. Er ist keine Metapher, die zu dechiffrieren uns die Regisseurin aufgegeben hat. Zwar steckt in jedem Chaos eine Ordnung, wie eine der Figuren frei nach Carl Gustav Jung zitiert. Doch als Schlüssel passt vielleicht trotzdem eher Nietzsche: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ Und Madeline hat noch Chaos. Jede Menge.

© Ashley Connor

Ihre Mutter (Miranda July) nennt das psychische Krankheit und hat ebenso viel Angst um ihre Tochter wie vor ihr. Madelines Regisseurin, Evangeline (Molly Parker), nennt es Talent und führt das Mädchen bei jeder Gelegenheit vor wie ein jonglierendes Äffchen. Beide Frauen* überschreiten dabei permanent Grenzen, dringen tief in Madelines Psyche ein, um diese nach ihren eigenen Vorstellungen zu formen. Das ist keine Fürsorge, sondern Folter, Verletzung, Qual. Madeline’s Madeline wird vorübergehend vom Coming of Age Film zum Psychothriller, als Evangeline die Schlinge immer enger zieht, die freie Improvisation ihrer Theatergruppe immer mehr in ein Psychodrama ohne therapeutisches Stützkorsett verwandelt. Während die junge Heldin ihr Innerstes nach außen zu kehren gezwungen ist, klatscht die Regisseurin Applaus und ignoriert gerade damit die eigentliche Leistung.

Aber Madeline dreht den Spieß um. Sie begreift, dass nur sie die Regisseurin ihres Lebens ist, dass nur sie über die Inszenierung verfügen darf, dass die Handlung nur ihrer eigenen, also Madeline’s, Logik folgt. Dass die Unterscheidung von Realität und Wahnsinn daher nur ihr obliegt. Dass nur sie das Innen vom Außen trennt und das Innere dabei schützen kann. Dass niemand darüber verfügt, welche Rolle sie auf welche Weise zu spielen hat. Dass es nur eine Madeline gibt: Madeline’s Madeline.

All das können wir nur erleben, nicht logisch erschließen. Wir müssen uns ganz einlassen auf den Rausch der Bilder, den Josephine Decker für uns erschafft, und uns darauf verlassen, dass auch in diesem Chaos eine Ordnung steckt. Und wenn wir vertrauen, wenn wir uns dem hingeben, uns auf Madelines Perspektive, ihre Assoziationen, Blickwinkel und ihre Logik einlassen, dann erleben auch wir am Ende die Geburt eines Sterns, eine Befreiung, die mindestens Gänsehaut, vielleicht gar Tränen des Glücks verursacht.

Madeline’s Madeline ist großes Kino von der Sorte, das uns mit allen Sinnen aufsaugt, mitreißt und am Ende benommen wieder ausspeit, das sich für ein paar Stunden wie ein Schleier über unsere Welt legt, wie ein langsam abklingender Rausch, den wir nicht ganz loslassen möchten. Um uns ein bisschen Chaos in den Alltag hinüberzuretten. Um tanzende Sterne zu gebären.