Interview: Henrika Kull über JIBRIL

© Carolina Steinbrecher

Henrika Kulls Abschlussfilm Jibril lief in diesem Jahr im Panorama der Berlinale und war einer meiner Lieblingsfilme des Festivals 2018. Deshalb freute ich mich besonders, als ich Henrika im Rahmen des Internationalen Frauenfilmfestivals Dortmund | Köln im April persönlich kennenlernte und mit ihr in der Lobby unseres gemeinsamen Hotels ein Interview führen konnte. Darin ging es nicht nur um Jibril, sondern auch um das Filmemachen an der Hochschule, um die Herausforderungen der Romantik und wie das so ist, als Frau* ein Männer*gefängnis zu besuchen.

FILMLÖWIN: Jibril war Dein Abschlussfilm im Fach Regie, aber Du hast ihn auch selbst geschnitten. Warum?

Henrika Kull: Ja, weil meine Editorin leider ausgestiegen ist. Es gab einen Unglücksfall in ihrer Familie. Und dann stand ich da mit 90 Stunden Material und wusste nicht, was ich tun soll.

Das heißt, Du konntest schneiden?

Ne, das konnte ich nicht. Ich hab verzweifelt jemanden gesucht, der es machen will. Aber weil wir keinen Cent Geld hatten, konnten es sich die guten Leute, die sich das grundsätzlich zugetraut haben, nicht leisten. Und alle anderen hatten auch noch nie einen Langfilm geschnitten und ein bisschen Schiss. Viele fanden’s auch doof.

Was fanden die doof? Den Film?

Ja. Die fanden einfach das, was sie so gesehen haben, nicht spannend und konnten nichts damit anfangen. Wir haben ja auf eine sehr spezielle Art gedreht, vor der frische Editoren wohl ein bisschen Angst haben. Wir hatten keine Takes oder Klappen, sondern haben sehr frei gedreht. Dann hab ich’s eben selbst gemacht.

Lächerlich wenig Geld für einen Langfilm

Wie entstehen denn Hochschulfilme? Gibt es von der Schule ein Budget oder müsst ihr das extra beantragen?

Es gibt ein Budget von der Hochschule. Jeder Abschlussfilm hat ein Budget, aber generell will die Schule keine langen Abschlussfilme, weil sie dazu gar nicht die Kapazitäten hat. Da muss man sehr für kämpfen, hat am Ende aber trotzdem kein höheres Budget.

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Das heißt, Du hast einen Langfilm mit einem Kurzfilmbudget gedreht?

Genau. Ich habe aber zum Glück von Susanne Foidl, der Gleichstellungsbeauftragen der Filmuni, noch ein bisschen Geld aus dem Gender Topf bekommen. Aber es war insgesamt immer noch lächerlich wenig für einen Langfilm.

Wie geht’s dann weiter? Dann hast Du ja noch keine Schauspieler.

Die arbeiten – wie das ganze Team – umsonst.

Und Materialkosten?

Die Uni hat Kameras und Festplatten.

Hast Du keine andere Filmförderung beantragt?

Doch. Ich hab’s versucht. Da wir ja auch in einem Gefängnis in Hessen gedreht haben, wollte ich dort Förderung beantragen. Doch dort sagten sie: „Du kommst aus Brandenburg und das Medienboard hat so viel Geld. Frag da nach!“ Das Medienboard wiederum hat ein spezielles Programm für Abschlussfilme: Leuchtstoff. Das kam aber nicht in Frage, weil dort nur Masterabschlussfilme gefördert werden und mein Film ein Bachelorprojekt war.

Gefangene Männer* und freie Frauen*

Wie kam es dazu, dass Deine Liebesgeschichte zum Teil im Gefängnis spielt?

Mich hat Gefängnis immer sehr stark interessiert. Deswegen bin ich irgendwann mal in einem Gefängnis gelandet – zum Recherchieren. Dort habe ich die Gruppe Männer kennengelernt, die auch im Film zu sehen ist. Sie haben mir von ihren Beziehungen erzählt und ich fand es sehr spannend zu beobachten, wie sich das über die Jahre entwickelte. Ich bin etwa einmal im Jahr dorthin gefahren und fand es total interessant, dass es die Männer selbst waren, die sich getrennt haben. Sie hielten es nicht mehr aus, mit dem Draußen konfrontiert zu sein und sich in der Rolle des Eingesperrten schwach zu fühlen.

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Und wie kam es zu dem Milieu des Films, der arabischen Community von Berlin?

Irgendwann haben mich auch die Frauen interessiert. Also hing ich mal so ein bisschen vor dem Gefängnis in Berlin Tegel rum und habe Frauen angesprochen, die dort mega aufgestylt hingehen. Wirklich so wie für das heißeste Date fertig gemacht. Und dort hab ich Yasmin kennengelernt, die mit einem Inhaftierten zusammen ist. Sie hat mir ihre Geschichte erzählt und mich mit nach Hause genommen. Über sie habe ich auch einen Dokumentarfilm gedreht, Absently Present, wo nur sie zu sehen ist. Und dann bin ich mit ihr wirklich ganz, ganz eng geworden, habe ihre Familie kennengelernt, ihre Töchter, die auch die drei Mädchen im Film spielen, und habe sehr viel über die arabische Kultur mitbekommen.

Deine Geschichte bekommt dadurch natürlich eine neue Ebene, weil in vielen arabischen Familien ja durchaus noch sehr patriarchale Strukturen herrschen.

Das fand ich bei Yasmin einen ganz interessanten Aspekt: Sie kann so wahnsinnig frei sein und hat trotzdem einen Partner, der aber eben nicht da ist. Sie kam mir so stark und unabhängig vor. Und das hat mich total fasziniert. Meine Filmfigur Miriam hat nicht wie Yasmin palästinensische Wurzeln, sondern irakische. Ich wollte nicht eins zu eins Yasmin nacherzählen. Jibril, die männliche Hauptfigur, ist aber Palästinenser. Miriams Freundin ist Tunesierin. Mir war es wichtig, unterschiedliche arabische Kulturen zu erzählen und habe auch auf die verschiedenen Dialekte geachtet.

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Sprichst Du arabisch?

Nein, nur ganz rudimentär. Aber ich kenne viele Leute, die mir mit der Übersetzung und den Dialekten helfen. Ich finde es einfach traurig, dass im Film oft nicht zwischen Arabisch und Türkisch unterschieden wird. Und überhaupt sind Araber ja nicht gleich Araber. Das wollte ich im Film drin haben.

“Ich wusste vorher nicht, ob das funktioniert”

Waren die Dialoge in Deinem Film alle frei improvisiert?

Nein. Es gab ein Drehbuch und das was im Drehbuch steht, ist fast eins zu eins im Film. Das ist echt faszinierend, weil wir gar nicht mit gelerntem Text gearbeitet haben, sondern frei. Ich wusste vorher nicht, ob das funktioniert – auch mit dem Arabisch.

Du hast mit den Leuten also vorher die Szene durchgesprochen und sie hatten auch das Buch gelesen?

Wir haben sehr chronologisch gedreht und sie wussten, wie die Abläufe sind, hatten das Buch irgendwann mal gelesen. Aber sie durften es nicht am Set haben.

Besteht Dein Cast aus professionellen Schauspieler_innen?

Die sind fast alle keine Schauspieler. Die Hauptdarstellerin hatte noch keine Kameraerfahrung, sondern nur Theater gespielt. Alle anderen eh auch nicht. Malik, der Hauptdarsteller, hat schon mal im Tatort mitgespielt, in einer Nebenrolle, und auch in einem Musikvideo. Die anderen hab ich alle bei Instagram oder auch auf der Straße gefunden.

Im Männergefängnis: “Es ist generell wahnsinnig krass als Frau da reinzugehen.”

Was ist mit den Leuten im Gefängnis: Sind das tatsächliche Häftlinge und ein tatsächlicher Gefängnispfarrer?

Das ist ein guter Freund von mir, durch den ich in dieses Gefängnis in Hessen reinkam und der wirklich Gefängnispfarrer, Kriminologe und auch Soziologe ist.

Das heißt, Du hast im Gefängnis gedreht?

Wir haben insgesamt fünf Tage in Hessen in diesem echten Hochsicherheitsgefängnis gedreht und haben dort Malik und einen andren Schauspieler mit reingenommen. Außerdem haben wir noch in einem stillgelegten Gefängnis in Lichterfelde gedreht.

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War das schwierig, in einem Männer*gefängnis als Frau* zu drehen?

Ich war das erste mal im Gefängnis als ich die Lichtblick-Redaktion besucht habe. Es ist generell wahnsinnig krass als Frau da reinzugehen. Die Männer standen da wirklich an der Balustrade und haben gewichst, weil sie einfach ewig keine Frau gesehen hatten. Es war schon echt heftig, zu merken, dass man komplett als Sexualobjekt gesehen wird. Deshalb hat es mich auch im Rahmen meines Films interessiert, wie die Männer mit ihrer Sexualität umgehen.

Aber dann war ich eben mit Tobias, also mit dem Pfarrer, in der Anstalt in Hessen und dadurch, dass ich mit ihm dort war und ihn alle total respektieren, war es sehr anders.

Und als Regisseurin mit den Männern* zu arbeiten: War das schwierig?

Nein, gar nicht. Die mochten mich von Anfang an total. Ich kam ja auch erst mal nicht als Regisseurin, sondern als Interessierte, und sie haben mir sehr schnell vertraut.

Von der Romantik des Entbehrens

Ich würde gerne über das Romantik-Thema sprechen. Auf der einen Seite ist Jibril ein total romantischer Film, der uns auch als Zuschauer_innen zu mehr Romantik inspiriert. Aber auf der anderen Seite brichst Du die Romantik, z.B. durch die Überzeichnung in den Soaps, die Miriam schaut. Worum ging es Dir bei dem Thema genau?

Das Hauptthema ist für mich auf jeden Fall Verliebtsein. Mich interessiert, wonach man sucht: Nach einer realen Beziehung, nach einem Alltag, oder diesem Hochgefühl von Verliebtsein? Und darum fand ich die Situation mit dem Gefängnis spannend, wie eine Metapher quasi, denn das hätte auch eine Fernbeziehung sein können: Eine Frau, die eigentlich nach diesem Hoch sucht, und gleichzeitig, auch wegen ihrer Wurzeln, so eine Sehnsucht nach dem hat, was es eigentlich außerdem noch gibt.

© Carolina Steinbrecher

Und das wäre?

Das wie es so sein soll: Familie, ein verlässlicher Partner, zusammen wohnen, für immer zusammen sein. Die Telenovela ist natürlich sehr, sehr kitschig, aber auch eine Art Brücke: Miriam macht sich ein bisschen ihre eigene Telenovela – aber in echt.

Romantik und Entbehren – geht das nur zusammen oder gibt es nicht auch Romantik in der Alltagsbeziehung? Bei Dir klingt das eher so nach entweder oder.

Ich finde, das ist ein ganz großes Thema: Wie man es schaffen kann, Beziehungen zu führen und trotzdem nicht das Netflix-Paar auf dem Sofa zu sein. Einander weiterhin spannend zu finden.

Wie geht’s jetzt mit Jibril weiter?

In Hinblick auf Festivals läuft es gut. Wir kriegen viele Einladungen und sind jetzt auch für den Studio Hamburg Nachwuchspreis nominiert. Ich hoffe, wir gewinnen auch mal was. Aber wir haben leider noch keinen Verleih. Es haben sich wirklich viele Journalisten gemeldet, vom Tagesspiegel und so, die dann sagten: Wir würden total gerne über deinen Film schreiben, wenn er einen Kinostart hat. Mir war vorher gar nicht klar, wie wichtig so ein Kinostart ist.

Ich würde mich auf jeden Fall sehr freuen, wenn Jibril einen Kinostart bekäme und drücke Dir ganz fest die Daumen!

JIBRIL Trailer from Henrika Kull on Vimeo.