Filmkritik: Take This Waltz

© kool film

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Als großer Fan von Michelle Williams stand für mich schon lange fest, dass ich diesen Film nicht verpassen durfte. Den ersten Trailer sah ich schon vor etwa 1 ½ Jahren. Lang hat es gedauert bis es Take This Waltz auch in unsere Kinos geschafft hat. Aber nun ist es so weit.

Zum wiederholten Mal spielt Michelle Williams eine junge Frau, deren Beziehung sich in einer Krise befindet. Doch in Take This Waltz geht es sehr viel ruhiger zu als in Blue Valentine, in dem schon mal die Fetzen zwischen Williams und Spielpartner Ryan Gosling fliegen. Die Krise spielt sich im Grunde nicht zwischen zwei Personen, sondern ausschließlich in der emotionalen Welt der Hauptfigur ab. Margot befindet sich in einer Übergangsphase. Mit allem ist sie nur halb zufrieden. Das trifft auf ihre Ehe mit Lou (Seth Rogen) ebenso zu wie auf ihren Beruf. Als die melancholische Frau ihren attraktiven Nachbarn Daniel (Luke Kirby) kennenlernt, entdeckt sie in diesem verbotenen Flirt einen Ausweg aus der Mittelmäßigkeit. Fast scheint es, als würde sie die schmerzhafte Zerrissenheit zwischen erotischer Neugierde und liebevoller Treue ein wenig genießen. Der Kampf zwischen Begierde und Gewissen lässt Margot letztendlich erwachsen werden und begreifen, dass die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren zum Leben dazu gehört.

Ich muss gestehen, dass ich sowohl währenddessen als auch nach dem Film immer wieder ein wenig sauer auf Regisseurin Sarah Polley war. Zu Beginn hatte ich den Eindruck, Margot würde sich hier von einem attraktiven jungen Mann um den Finger wickeln lassen. Dann aber nimmt die Geschichte eine Wende und das Verhältnis der beiden beginnt sich umzudrehen. Plötzlich ist Margot nicht mehr das passive, einem Meister der Verführungskunst ausgelieferte Objekt, sondern eine aktives Subjekt, das seine eigenen Entscheidungen trifft. Witziger Weise ist es fortan Daniel der in meinen Augen zum Sexobjekt „degradiert“ wird, in dem Sarah Polley wiederholt seinen athletischen Körper betont. Zudem erfahren wir über seine Persönlichkeit kaum etwas. Er ist das Objekt der Begierde der Hauptfigur. Das traditionelle Geschlechtermodell des begehrenden Mannes (und Zuschauers) und der begehrten Frau im voyeuristischen Fokus wird hier umgedreht.

Wütend machte mich auch die Art und Weise, wie Sarah Polley ihre Geschichte in der Ambivalenz belässt. Ich hätte mir mehr Mut gewünscht, ein klares Statement zu Margots Situation zu formulieren. Darf die junge Frau ihren Ehemann betrügen, ohne dafür durch die Geschichte bestraft zu werden? Je länger ich aber darüber nachdenke, desto idiotischer erscheint mir dieses Bedürfnis einer klaren Antwort. Wer ist schon Sarah Polley, dass sie allen Frauen dieser Welt „erlauben“ darf, ihre Männer zu betrügen. Statt sich auf das zu fokussieren, was sie NICHT tut, werfe ich also einen Blick auf das, was sie erreicht. Sie gesteht den Frauen dieser Welt Bedürfnisse zu, die über die Ehe hinausgehen. Nein, ein Ehemann ist nicht genug. Frauen haben ebenso wie Männer das Recht auf Sehnsucht und Begehren, ohne dafür verurteilt zu werden. Wie wir mit dieser ewigen Lücke in unserem Leben umgehen, ist eine ganz andere Frage – für Frauen wie für Männer.

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Margot versteht (und wir mit ihr), dass es das perfekte Leben nicht gibt. Doch bis zu dieser Erkenntnis ist es ein weiter Weg, der sich in Take This Waltz zuweilen auch etwas schleppend gestaltet. Wie schon in My Week With Marilyn ist es Michelle Williams, die durch ihr intensives Schauspiel dramaturgische Schwächen ausgleichen kann und den Zuschauer mit all seinen Sinnen an ihre Figur fesselt. Zudem gelingt es Sarah Polley mit ihrem Farbenspiel eine optisch dichte Atmosphäre zu schaffen, von der sich das Publikum gerne aufsaugen lässt. Margots Welt ist zwar bunt, doch die Farbenvielfalt wirkt nicht locker leicht, sondern schwer und überladen, wie ein zu süßes Parfüm. So wird die Melancholie der Hauptfigur sinnlich erfahrbar. Außerdem muss ich an dieser Stelle sagen, dass ich gerne Margots komplette Garderobe erstehen würde. Und ihre Einbauküche.

Take This Waltz hat mich letztendlich nicht so begeistert wie ich gehofft hatte. Aber ich habe viele Gedanken mitgenommen, die ich noch ein wenig mit mir herumtragen werde. Sarah Polley hat einen Film geschaffen, den ich mir immer und immer wieder ansehen möchte, um ihn mit all seinen Bedeutungen zu durchdringen und statt einer kurzen Kritik ein ganzes Buch darüber zu schreiben. Und da wären wir wieder beim Thema Sehnsucht. Wenn mich Take This Waltz eins gelehrt hat, dann Folgendes: „Sehnsüchte sind gut.“ Ich geh dann mal träumen…

KINOSTART: 7. März 2013