FFMUC 2018: Zama

Warum nehmen wir bei historischen Filmstoffen immer alles so super genau, während wir uns im Science Fiction Genre die Freiheit nehmen zu experimentieren? Ist nicht beides – der Blick in die Vergangenheit und der in die Zukunft – gleichermaßen willkürlich? So sieht das zumindest Lucrecia Martel, die sich bei der Adaption des historischen Romans Zama von Antonio di Benedetto entschied, dieselbe Freiheit walten zu lassen wie bei einer Science Fiction Inszenierung. Und das ist spürbar, beispielsweise in der Musikuntermalung, die sich so gar nicht in das Setting des 18. Jahrhunderts fügen möchte. Darauf im Filmgespräch beim Filmfest München angesprochen, erklärte Martel: die Geschichte spiele im 18. Jahrhundert, der Roman sei in den 1950er Jahren geschrieben und 2018 verfilmt worden – welche Musik solle da denn passen? Zudem sei unsere Forderung danach, dass sich alle Elemente des Films kohärent an der Handlung ausrichten sollten, ein Trugschluss. Film sei Kunst und habe somit einen ganz eigenen Rhythmus.

So logisch das alles klingt, so herausfordernd gestaltet es sich in der Praxis. Über die gesamte Lauflänge von Zama war ich unheimlich bemüht, den Ereignissen auf der Leinwand zu folgen, zu verstehen, mit welchem Ort zu welcher Zeit mit welchen Menschen ich mich konfrontiert sah. Da ist der Titelheld Zama (Daniel Giménez Cacho), Inhaber eines offiziellen Amtes der spanischen Krone und stationiert in irgendeiner entlegenen Kolonie in Argentinien. Da ist ein uneheliches Kind, das er mit einer indigenen Frau bekommen hat, ein befreundeter Schreiber, der heimlich einen Roman verfasst, und ein übler Bandit namens Vicuña Porto, der wie ein Phantom nur namentlich auftritt. Und dann verliert Zama wegen eines Zwischenfalls seine Stellung und soll versetzt werden. Fortan wartet er auf den Brief des Königs, der ihm seinen neuen Einsatzort mitteilen wird. Doch das vergebliche Warten auf das Schriftstück bringt Zama um den Verstand.

© Filmfest München 2018

Mir ging es als Zuschauerin ein wenig wie der Hauptfigur, denn meine vergeblichen Versuche, das Leinwandschauspiel zu begreifen, ließen mich stark an meiner Auffassungsgabe zweifeln. Vermutlich aber ist dieser Effekt intendiert, denn Lucrecia Martel bricht sehr bewusst immer wieder mit unseren Sehgewohnheiten. Auffällig sind zum Beispiel ausbleibende Reverse-Shots in Dialogszenen, so dass eine der Figuren quasi unsichtbar bleibt. Oder auch die statischen Frames mit großer Nähe zu den Figuren, die zugleich klaustrophobisch wie auch verwirrend wirken, weil häufig Totalen zur Einordnung des Schauplatzes fehlen. Wiederholungen ganzer Sätze ließen zumindest mich an mir selbst zweifeln: Haben die das gerade schon einmal gesagt? Bilde ich mir das ein? Und was macht eigentlich das Alpaka im Hintergrund? Oder ist das ein Vicuña (Porto)? Im letzten Teil des Films dann, wenn Zama sich mit einem Stoßtrupp auf die Suche nach dem Banditen begibt, machen die beengten Innenräume einem surrealen Natursetting Platz, dessen artifizielle Farben zuweilen wie gemalt wirken.

Thematisch kreist Zama um Kolonialismus, Sklaverei, Wahn und Identität. Ist Vicuña Porto eine reale Person oder vielleicht doch das Konstrukt einer Gesellschaft auf der Suche nach dem Sündenbock für die eigenen Abgründe? Und wer oder was ist Zama, nachdem er mit seiner Anstellung auch seine Funktion verloren hat? Die einzige Gewinnerin in diesem konstanten Ringen um Identität ist Luciana Piñares de Luenga (Lola Dueñas), die Gattin eines anderen wichtigen Kolonialherren, die ihr Leben geschickt und heimlich nach den eigenen Gelüsten gestaltet und die Ehe nur für eine andere Form der Sklaverei hält. Sie lebt jene Freiheit, nach der Zama an den falschen Orten sucht.

© Filmfest München 2018

Nun liegt die Vermutung nahe, die anhaltenden Irritationen und die schwer zu begreifende Handlung würden Zama zu einem zähen und anstrengenden Filmerlebnis machen. Nun, kurzweilig ist Lucrecia Martels Werk mit Sicherheit nicht und für einen gemütlichen DVD-Abend auf der Couch ist es ebenso wenig geeignet. Zama ist einer dieser Filme, die ihre visuelle Kraft nur auf der großen Leinwand entfalten können. Dort nämlich, im dunklen Kinosaal, können wir uns als Zuschauer_innen auf diese fremde, widersprüchliche Welt einlassen und Zama als eine Art Erlebnisrätsel begreifen. Lucrecia Martel gibt immer wieder kleine Hinweise, die vorübergehend zu Aha-Momenten führen, Ansatzpunkte, an denen wir uns auf dieser verwirrenden Reise festhalten können.

Das ist in der Tat eine ziemlich verkopfte Angelegenheit. Zama ist kein Film, der seinem Publikum Emotionen entlocken möchte, zumindest nicht im klassischen Sinne eines Dramas oder Abenteuerfilms. Zama ist ebenso wenig ein Film, bei dem wir uns gemütlich zurücklehnen und einfach audiovisuell berieseln lassen. Lucrecia Martel erzählt uns, so scheint es mir, nicht einfach eine Geschichte. Sie will, dass wir uns diese selbst erschließen. Und zwar nicht im Sinne einer Botschaft, die es mit Hilfe intellektueller Verrenkungen zu dechiffrieren gelte, sondern eher als offene Einladung zur individuellen Projektion. Die Frage ist also nicht, worum es in Zama wirklich geht, sondern was die Zuschauer_innen darin sehen. Und das kann nur jede_r selbst herausfinden.

Kinostart: 12. Juli 2018