FFMUC 2018: Wir haben nur gespielt

„Erde an Universum: Ich bin ein ausgesetztes Tier. Holt milch hier raus!“ Mit diesem Funkspruch ruft der 10 jährige Jona (Finn-Henry Reyels) zu Beginn von Wir haben nur gespielt aus dem Dienstwagen seines Stiefvaters um Hilfe – spielerisch und doch voller Ernst. Wegen der Scheidung seiner Eltern von Berlin an die deutsch-tschechische Grenze umgezogen, fühlt sich Jona fremd und einsam, tatsächlich wie auf dem falschen Planeten gelandet und verlassen. Denn während Mutter (Silke Bodenbender) und Stiefvater (Godehard Giese) arbeiten gehen, wobei klassischer Weise nur der Job des Mannes* auch näher definiert wird, ist der Junge* auf sich allein gestellt, durchstreift die unbekannte Umgebung, vor allem die Wälder an der Grenze. Auf der tschechischen Seite dann begegnet er dem 13 jährigen Miro (Roman Bkhavnani), der dem naiven Mittelstandsjungen erst einmal die Turnschuhe abnimmt. Doch aus der zunächst feindseligen Begegnung erwächst schließlich eine Freundschaft. Denn so unterschiedlich Miro und Jona auch sein mögen, es verbindet sie dasselbe Gefühl der Orientierungslosigkeit.

Dasselbe? An dieser Stelle wird es bereits knifflig: Während Jona sich von seinem Vater im Stich gelassen fühlt, weil dieser den gemeinsamen Urlaub absagt, lebt Miro ohne Eltern auf der Straße. Vergleichbar? Während Jona gegen die elterlichen Regeln rebelliert, wenn er heimlich über die Grenze schlüpft, kämpft Miro gegen die starke und gewalttätige Hand seines Zuhälters. Vergleichbar? Während Jona frustriert und hoffnungslos auf sein neues Landleben blickt, hat Miro keinerlei Aussicht darauf, der Zwangsprostitution zu entrinnen. Vergleichbar?

© Filmfest München 2018

Regisseurin Ann-Kristin Reyels bleibt der naiven Perspektive ihrer jungen Hauptfigur fast vollständig treu. Dennoch sind wir als Zuschauer_innen immer schon einen kleinen Schritt weiter als der Held, ahnen lange vor ihm, was in der Grenzregion mit Miro und den anderen Kindern und Jugendlichen geschieht. Und so geht das Rezept der naiven Perspektive nicht ganz auf. Einerseits bleibt Reyels in ihrer nüchternen Inszenierung weitgehend wertfrei, nimmt – wie Jona – die Welt als das hin was sie ist, ohne eine Gesellschaftsanalyse zu vollziehen. Damit vermeidet sie die Falle, simplifizierte Lösungen für komplexe Probleme zu suchen. Die Blickperspektive des Films ist immer eine beobachtende und keine wertende.

So weit so gut. Aber ihre Perspektive ist leider nicht nur beobachtend, sondern auch erschreckend kolonial. Der Begriff „Indianer“ zieht sich auf unangenehme Weise motivisch durch den Film. Da wird ein „Indianer“-Poster aufgehängt, ein „Indianer“-Ehrenwort gegeben und von vermeintlichen Initiationsriten der „Indianer“ erzählt. Diesen einer kolonialen Rhetorik entspringenden Begriff ab und an einer Filmfigur in den Mund zu legen, um diese beispielsweise als rassistisch zu charakterisieren, mag legitim sein. Ihn jedoch als Motiv zu verwenden, erscheint mir im Jahr 2018 äußerst fragwürdig.

Interessanter Weise findet sich dieser koloniale und damit stets hierarchische Abwärtsblick auf das Fremde als Quelle des exotischen Abenteuers aber auch auf struktureller Ebene in Wir haben nur gespielt, wenn Miro und die anderen Kindern auf tschechischer Seite niemals dieselbe dramaturgische Aufmerksamkeit erhalten wie Jona, sondern lediglich als Mittel zum Zweck, als Katalysatoren der Persönlichkeitsentwicklung des deutschen Jungen* dienen. Was wir über den persönlichen Hintergrund der tschechischen Figuren erfahren, geht über klischeehafte Abziehbilder nicht hinaus. Zu keinem Zeitpunkt entsteht der Eindruck tatsächlichen Interesses an diesen Figuren oder den gesellschaftlichen Zusammenhängen, die zu ihrer Situation beitragen. Stattdessen „missbraucht“ der Film insbesondere Miro auf ähnliche Weise wie die deutschen Freier, die ihn mit Geld in ihre Autos locken. Das ist höchst bedauerlich, wenn nicht gar ärgerlich.

© Filmfest München 2018

Durch die blassen Farben, die Langsamkeit der Erzählung, das latent gestelzte Schauspiel insbesondere der erwachsenen Figuren, das immer mehr nach Skript als nach echter Unterhaltung klingt, vermeidet Reyels immerhin eine elendsvoyeuristische Dramatisierung. Die insgesamt recht blutleere Inszenierung scheitert aber auch daran, der Beziehung zwischen Miro und Jona eine emotionale Ebene oder dem Western-Subtext der Begegnung im Wald auf visueller Ebene Ausdruck zu verleihen. Das Grenzgebiet zwischen Deutschland und Tschechien funktioniert hier wie im klassischen Western als sogenannte „Frontier“, als rechtsfreier, nämlich von den Regeln der Erwachsenen befreiter, Raum. Hier können die beiden Jungen ihren – im Übrigen immens geschlechterstereotypen – „Indianer“-Initiationsritus vollziehen. Aber nur einer von ihnen kann durch die Begegnung mit dem Tod tatsächlich zum Mann* werden. Wie der klassische Western interessiert sich auch Wir haben nur gespielt ausschließlich für das Schicksal des Cowboys und begreift den „Indianer“ als dramaturgisches Mittel zum Zweck.

Am Ende steht Jona wieder vor dem Haus seiner Eltern. Er hat jetzt begriffen, wie gut er es hat in der flauschigen deutschen Mittelstandsgesellschaft. Er ist an seinen Erlebnissen in der Wildnis gewachsen, gereift, er hat seinen naiven Blick verloren. Den Preis für diese Erkenntnis jedoch zahlt er nicht selbst. Und damit hat er dann eigentlich doch wieder nichts begriffen – genauso wenig wie das Publikum dieses Films.

@ Filmfest München 2018

Ich meine die Absicht des Films zu erkennen, den schon erwähnten naiven, nicht wertenden Blick, der durch die Kinderperspektive möglich wird. Ich sehe auch die großartige Leistung des Nachwuchsdarstellers Finn-Henry Reyels, bei dem es sich – vom Namen ausgehend – wohl um den Sohn der Regisseurin handelt. Mir fehlt aber dennoch das gebotene Maß an Respekt im Umgang mit dem „Anderen“ ebenso wie ein tatsächliches Interesse an den kolonialen oder doch zumindest kapitalistischen Strukturen, die zur sexuellen Ausbeutung der Menschen auf der anderen Seite der Grenze führen. Vielleicht liegt es an der Mitwirkung des Kleinen Fernsehspiels, dass Wir haben nur gespielt hier ganz in der Tradition des deutschen Fernsehens nur an der stereotyp gestalteten Oberfläche kratzt und es dabei versäumt, unbequeme aber notwendige Fragen zu formulieren.