FFMUC 2018: M

„Wirst Du Dir M von Sara Forestier ansehen? Mich würde Deine Meinung interessieren!“ Diese Nachricht einer Kollegin gab den Ausschlag, das Regiedebut der französischen Schauspielerin in meinen Plan für das Filmfest München zu integrieren. Rückblickend verstehe ich ihre Frage, denn M stellt mich vor eines der größten Probleme meiner Tätigkeit als filmfeministische Aktivistin und Kritikerin: Ich möchte grundsätzlich das Filmschaffen von Frauen* unterstützen, aber manche Werke machen mich einfach wütend. Und M gehört dazu.

Mit der Hauptfigur, die das von mir schon oftmals kritisierte Stereotyp der melancholischen Kindfrau*-Französin ohne Einschränkung bedient, hat M zugegebener Maßen schon einmal eine schlechte Ausgangsbasis. Sara Forestier spielt hier selbst die Hauptrolle der stotternden und sozialphoben Abiturientin Lila, und auch das ist problematisch, da ihr das mit nun über dreißig Jahren bei aller Liebe nicht mehr abzunehmen ist. Den scheuen Rehblick der Heldin beherrscht sie dafür in Perfektion und auch das situationsabhängige Stottern überzeugt.

© Filmfest München 2018

Auf Grund ihres Sprachfehlers beschämt und zu kaum einer verbalen menschlichen Interaktion imstande, ist Lila weitgehend sozial isoliert, wird von ihren Klassenkamerad_innen gehänselt, von ihrem Französischlehrer unter Druck gesetzt und sogar vom eigenen Vater regelmäßig erniedrigt. Doch in dem ähnlich melancholisch wirkenden Macho Mo (Redouanne Harjane), den sie an einer Bushaltestelle kennenlernt, scheint Lila einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Was sie nicht weiß: Mo kann nicht Lesen und Schreiben und da Lila sich vornehmlich über Notizen mitteilt, braucht es einige Anläufe bis die beiden endlich zueinander finden.

Während er seine eigene sprachliche Baustelle weiterhin verschweigt, drängt Mo Lila wiederholt zum Sprechen. Tatsächlich stärkt die Liebesbeziehung Lilas Selbstbewusstsein und sie beginnt, sich intensiv ihren Ängsten und Schwächen zu stellen. Doch kann eine Beziehung, die auf der Rollenverteilung in „Starker Mann“ und „Schwache Frau“ basiert, diese emanzipatorische Entwicklung aushalten?

© Filmfest München 2018

Damit formuliert M eigentlich eine aus feministischer Sicht spannende Frage. Die Antwort allerdings fällt nicht nur ernüchternd, sondern schlichtweg ärgerlich aus. Schon der Beginn des Films war mir nahezu körperlich unangenehm. Die Handkamera, die mit vielen Close Ups sehr dicht an den Figuren klebt, erschien mir einer Figur wie Lila gegenüber nahezu übergriffig. Passend dazu überschritten auch verschiedene männliche* Charaktere permanent ihre Grenzen: der Lehrer, der sie erst zusammenstaucht und dann dazu drängt, einen Poesie-Zirkel zu besuchen, vor allem aber Mo, dessen vollständigen Verzicht auf Einvernehmlichkeit Sara Forestier hier gruseliger Weise als Romantik tarnt. Nicht nur, dass es einen Akt der Gewalt darstellt, Lila aus ihrer Komfortzone zu zwingen. Auch die Art und Weise, wie Mo sie ohne jegliche Einladung berührt, im Restaurant plötzlich küsst und dann während sie noch „warte“ stottert zum Beischlaf drängt, sollte eigentlich alle Alarmglocken schrillen lassen. Und nein, da hilft es auch nicht, dass Sara Forestier sich selbst frontal zwischen die Beine filmen lässt, um ihr nasses Höschen zu zeigen. Bei Lilas auch in dieser Situation verschrecktem Gesichtsausdruck ist es doppelt und dreifach Mos Aufgabe, ihr Einverständnis zu sexuellen Handlungen explizit einzuholen.

Doch die Filmemacherin hat ein merkwürdiges Verhältnis zu ihrer männlichen* Hauptfigur, deren präferierte Bewältigungsstrategie die Aggression ist. Diese geht gar so weit, dass Mo Lilas kleiner Schwester brutal einen Milchzahn entreißt, um mit dieser Einschüchterung ihr Stillschweigen über seine Lese-Rechtschreibschwäche sicherzustellen. Als er direkt nach dieser Tat weinend zusammenbricht und sich entschuldigt, verzeiht das kleine Mädchen* ihm die traumatisierende Aktion natürlich umgehend, so dass auch wir als Zuschauer_innen zu dieser Güte angehalten werden. Aber nein. Nicht mit mir. Männer*, die nach Akten häuslicher Gewalt weinend zusammenbrechen und sich in ihrer Verletzlichkeit selbst als Opfer stilisieren, sind keine Helden, sondern feige Arschlöcher, die keine Verantwortung für ihre Taten übernehmen. Und Basta.

© Filmfest München 2018

Sara Forestier aber sieht das anders und geht in ihrem apologetischen Narrativ sogar noch weiter. Als Mo schließlich Lila aus eben jener defensiven Aggression heraus verbal erniedrigt und damit zutiefst verletzt, ist es am Ende sie, die um Verzeihung bittet, während er bis zur letzten Filmminute keinerlei Entschuldigung ausspricht. Lila entschuldigt sich aber nicht nur dafür, nichts von Mos Lese-Rechtschreibschwäche gewusst zu haben (wie auch?), sondern auch dafür, mit ihrer Lyrik intellektuelle Kreise betreten zu haben. Die Beziehung aber, so versichert sie, sei ihr viel wichtiger als ihre berufliche Zukunft.

Vergeblich wartete ich in lähmender Fassungslosigkeit auf einen Twist, einen ironischen Schlenker in der Geschichte oder irgendein Zeichen, mit dem sich Sara Forestier in eine kritische Distanz begeben hätte – doch nichts davon trat ein. Damit bleibt M in meinen Augen das erschütternde Drama einer jungen Frau*, die sich vollständig in einem abusiven Abhängigkeitsverhältnis verliert. Getarnt als romantische Liebesgeschichte trägt genau dieses Narrativ leider zum Fortbestehen einer rape culture bei, die Betroffene in die Verantwortung nimmt anstatt die Ausübenden kritisch zu hinterfragen. M, als Film einer Regisseurin, ist ein betrübliches Mahnmal dafür, wie stark diese Strukturen auch in den Köpfen von Frauen* verwurzelt sind. Und ein weiterer Hinweis darauf, dass es höchste Zeit wird, uns nicht nur kritisch mit Machtmissbrauch in der Filmproduktion zu befassen, sondern auch mit den Botschaften, die eben jene Produktionen vermitteln.

#NoMore