FFMUC 2018: Gute Manieren (As boas maneiras)

Dämonische Schwangerschaften sind spätestens seit Rosemary’s Babyein sehr beliebtes Thema für Kinofilme, sogar bis hinein in Franchises wie Twilight. Denn auch dort wird die Hauptfigur im letzten Teil des Films vom in ihr wachsenden Fötus nahezu aufgefressen. Und ich nehme definitiv nicht zu viel vorweg, wenn ich verrate, dass auch die Schwangerschaft in Gute Manieren die werdende Mutter körperlich – nun ja –sagen wir einfach mal „mitnimmt“.

Aber von vorne: Ana (Marjorie Estianoist schwanger und allein. Aus reichem Hause kommend, aber auf Grund des unehelichen Kindes von den Eltern verstoßen, ist die 29 jährige in der Großstadt auf sich allein gestellt. Clara (Isabél Zuaasoll als Haushaltshilfe deshalb nicht nur kochen, putzen und perspektivisch das Baby versorgen, sondern Ana auch Gesellschaft leisten. Und so zieht die ehemalige Krankenschwester von ihrem Zimmer in der Wellblechhütte in die edel eingerichtete, dabei aber surreal steril wirkende Wohnung von Ana. Und was als Arbeitsverhältnis beginnt, entwickelt sich erst zu einer engen Freundinnenschaft und schließlich gar zu romantischer Liebe.

© Filmfest München 2018

All das ist jedoch nur die Bühne, auf der sich dann eine ganz andere Geschichte entfaltet, denn Anas Appetit auf Fleisch ist mehr als nur der klassische Schwangerschafts-Heißhunger. Das muss Clara spätestens beim Blick auf den Kalender erkennen, der die nachtwandlerischen Eskapaden der werdenden Mutter klar dem Vollmond zuordnet. Vor der magisch-realistisch überzeichneten Skyline, die verdächtig an ein Airbrush-Gemälde erinnert, entspinnt sich nun eine Horrorstory.

Aber dann auch wieder nicht, denn Gute Manieren ist – zumindest in meinen Augen – kein Horrorfilm, sondern eher ein düsteres Märchen. Kleine Inseln trockenen Humors, wie eine schlechtgelaunte Kaufhauspolizistin auf dem Hoverboard, und spontane Gesangseinlagen, die im Stile eines Musicals Teile der Erzählung bilden, brechen mit der düster-skurrilen Stimmung und ergänzen sie um weitere Facetten.

Das wilde Genre-Mix funktioniert erstaunlich gut, um ein neues, immer wieder überraschendes und somit rein formal schon spannendes Kino zu erschaffen, das die Freude der Regisseur_innen Marco Dutra und Juliana Rojas am Medium Film spürbar werden lässt. Die dramaturgische Zäsur in der Mitte des Films erweist sich dennoch als unvorteilhaft. Hier bricht die Erzählung in zwei Teile, verwandelt sich von der in eisblau getauchten Gänsehaut-Geschichte über Liebe und monströse Embryos in ein erstaunlich farbenfrohes Drama über unsternbedrohte Mutterschaft, das wiederum verdächtig an We Need To Talk About Kevin erinnert.

@ Filmfest München 2018

Auch wenn beide Teile der Filmhandlung für sich genommen gelungene Narrative darstellen, so fällt der zweite doch leider auffällig hinter dem ersten zurück. Insbesondere auf visueller Ebene hat die klaustrophobisch fast ausschließlich in der Luxuswohnung inszenierte Grusel-Lovestory deutlich mehr zu bieten. Das körperliche Schauspiel von Marjorie Estiano, mit dem sie die Metamorphose vom High Society Girly zum blutrünstigen Monster allein durch ihre Körperhaltung in Sekundenschnelle vollziehen kann, ist atemberaubend. Kinderdarsteller Miguel Lobo hat im zweiten Teil bedauerlicher Weise keine Chance, daran nur ansatzweise anzuknüpfen. Das ist auch deshalb schade, weil er – für sich genommen – hier in Anbetracht seines Alters eine bemerkenswerte Performance liefert.

Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, was mir diese ungewöhnliche Geschichte erzählen möchte. Ich habe nach Interpretationsansätzen gesucht, wie diese dämonische Schwangerschaft, die monströse uneheliche Befruchtung, das im Mutterbauch wachsende Böse zu deuten sei und was mir dann im Anschluss das Mutter-Kind-Beziehungsdrama mit seinem zugleich tragischen wie auch kitschigen Finale erzählen möchte.

© Filmfest München 2018

Meine Antwort: Ich habe keine Ahnung und das ist bis zu einer akribischen Zweitsichtung auch erst einmal vollkommen ausreichend. GuteManieren ist unerwartet, rätselhaft und dabei doch im wahrsten Sinne des Wortes „unheimlich“ packend. Das liegt wohl auch daran, dass der Film mutig neue Wege einschlägt – nicht nur in Hinblick auf den Mix verschiedener Genres, sondern auch die völlige Abwesenheit von Männer*figuren. Alle zentralen Rollen, bis auf die des Kindes, sind mit Frauen* besetzt, was der zigfach erzählten Werwolfgeschichte hier völlig neue Ebenen ermöglicht. Was Mutterschaft in diesem Kontext zu bedeuten hat, ist in meinen Augen erst einmal zweitrangig. An erster Stelle steht, wie das Aufbrechen stereotyp männlicher* Narrative durch weibliche* Perspektiven in einer vermeintlich längst auserzählten Geschichte unerwartete Potenziale freisetzt. Und diese wiederum führen dann zu spannenden Fragen, die auch ohne Antworten allein durch ihre Denkanstöße einen Gewinn darstellen.

Mein Votum: Unbedingt ansehen (außer vielleicht, ihr erwartet gerade ein Kind), denn Gute Manieren hat – Freudenjubel-Szenenapplaus! – einen deutschen Kinostart!

Kinostart: 26. Juli 2018