FFMUC 2018: Glücklich wie Lazzaro (Lazzaro felice)

Es klingt wie ein Märchen: Auf einem seit 1977 von der Außenwelt abgeschotteten Landgut in Italien herrscht eine grausame Marquise über ihre Leibeigenen, die hart arbeiten und doch keinen Lohn verdienen. Nur einen lässt die Ausbeutung kalt: Lazzaro beantwortet jedweden Arbeitsauftrag, jede Bitte, jede Demütigung mit einem „certo“ aus vollstem Herzen. Und so ist er auch der einzige, der sich mit Tancredi, dem verwöhnten Sohn der Marquise, anfreunden kann – eine Beziehung, die freilich nicht auf Augenhöhe stattfindet. Tancredi inszeniert seine eigene Entführung, die schließlich zum Zerfall des kleinen Königinnenreichs beiträgt. Aber das ist eigentlich nur der Anfang eines weiteren großen Abenteuers.

Wie schon in Land der Wunder erschafft Alice Rohrwacher einen bezaubernden Mikrokosmus von Mensch und Natur. Die kleine Gemeinschaft von Bäuer_innen, die die Tabakfelder der Marquise bestellt, wirkt in ihrem bodenständigen Treiben unfassbar authentisch, als gäbe es sie wirklich, als habe sich Rohrwacher einfach nur mit der Kamera in ein reales Dorf gestellt. Jedes Gesicht scheint bereits eine eigene Geschichte zu erzählen, die sich nahtlos in das Setting fügt. Völlig natürlich, selbstverständlich, wie für einander gemacht. Und doch haftet Allem von Anfang an etwas Mysteriöses an. Magie liegt – im wahrsten Sinne des Wortes – in der Luft. Und Lazzaro, mit dem immer selben gütigen Gesichtsausdruck und seiner vollkommenen Naivität und Demut wirkt schon hier wie der Heilige, zu dem er schließlich wird.

© Filmfest München 2018

So magisch-realistisch auch die Inszenierung, so politisch und aktuell ist der Subtext dieser kleinen, unwahrscheinlichen Geschichte. Die Marquise rechtfertigt die Ausbeutung ihrer „Untertanen“ mit dem natürlichen Lauf der Dinge, dass der Mensch immer andere Menschen unterdrücke. Tatsächlich sind die Bäuer_innen nicht nur Opfer, sondern auch Täter_innen, nutzen Lazzaros grenzenlose Hilfsbereitschaft ebenfalls schamlos aus. Und auch der zweite Teil der Geschichte, in dem das Setting von der idyllischen warmen Landschaft in die graue kalte Stadt wechselt, gibt der modernen Sklaventreiberin Recht: Die Ausbeutung der Armen durch die Reichen kommt niemals aus der Mode.

Zeit ist in Glücklich wie Lazzaro ohnehin relativ. Die Gemeinschaft der Bäuer_innen steckt unwissend im Jahr 1977 fest, später unternimmt Lazzaro eine Art Zeitreise. Zwischen Vergangenheit und Zukunft geschieht keine echte Entwicklung. Das äußere Erscheinungsbild der Menschen mag sich verändern, aber im Kern bleibt immer alles beim Alten. Insbesondere Lazzaro.

Hauptdarsteller Adriano Tardiolo ist bemerkenswert. Mit nur einem einzigen, im Grunde leeren Gesichtsausdruck vermag er, das Kinopublikum für sich zu gewinnen und mit ihm an diese ungewöhnliche Geschichte zu binden. Auch wenn seine Mitmenschen ihn skeptisch beäugen, ausgrenzen, vielleicht gar ablehnen, bringt Alice Rohrwacher ihrem Helden so viel spürbare Liebe entgegen, dass auch wir als Zuschauer_innen ihn ins Herz schließen und nicht mehr loslassen wollen. Lazzaro berührt etwas tief ins uns drinnen, eine Hoffnung auf das Gute vielleicht, darauf, dass die Marquise Unrecht hat, dass die unheilvolle Kette aus Ausbeuter_innen und Ausgebeuteten irgendwo ihr Ende findet. Bei Lazzaro nämlich.

© Filmfest München 2018

Auf betörende Weise verwebt Alice Rohrwacher märchenhafte Momente mit ihrer wie aus dem Leben gegriffenen Inszenierung der Landarbeiter_innen. Die erste Stunde ihres Films ist die pure Irritation. Nichts will sich hier einordnen lassen. Wann diese Geschichte spielt und in welchem Genre wir uns befinden, ist unmöglich zu beantworten. Im Grunde führt Rohrwacher ihr Publikum in die Irre, wenn sie mit den authentischen und irgendwie zeitlosen Bildern des Landlebens einsteigt. Mit dem Auftauchen der Marquise und der Offenlegung der Machtverhältnisse glauben wir uns weit in der Vergangenheit, doch Kleidung und Mobiltelefone deuten in eine andere Richtung. Immer absurder wird die Handlung, fantastischer, bis wir ein modernes Märchen sehen.

Aber so widersprüchlich all das scheint, so aufregend ist es auch, so magisch und manchmal auch komisch. Und deshalb sind wir bereit, diesen verschlungenen Weg, den Rohrwacher uns anbietet, bedingungslos mitzugehen. Glücklich wie Lazzaro lädt dazu ein, sich voll in die Magie des Kinos fallen zu lassen, sich einzukuscheln in diese vertraute und zugleich fremde Welt, in der auch wir wieder an das Wunder glauben können.

© Filmfest München 2018

Zugleich aber handelt es sich nicht um Eskapismus-Kino. Alice Rohrwacher führt uns nicht weg von der Welt, sondern mitten in sie hinein. Sie legt den Finger in die Wunde unserer Zeit, führt uns gesellschaftliche Probleme unmissverständlich vor Augen – Habgier, Ignoranz, Fremdenfeindlichkeit, die Bandbreite der menschlichen Hässlichkeit. Wie jedes Märchen und jeder Mythos dient auch Glücklich wie Lazzaro dazu, die Welt gleichzeitig zu verstehen und zu ertragen. Rohrwachers magisch-realistische Inszenierung ist wie ein beruhigendes Streicheln, das uns hilft, die Augen offen zu halten: Wir schauen, hören, fühlen und begreifen. Und wenn wir das Kino verlassen, liegt ein bisschen Magie in der Luft.