Drei Gedanken zu: Ocean’s 8

Nach den weiblichen* Ghostbusters unternimmt nun ein weiteres, bislang männlich* definiertes Franchise den Versuch des Geschlechtertauschs. Zumindest treten in Ocean’s 8 statt der in den vorherigen drei Filmen eingeführten männlichen* Meisterdiebe nun acht Frauen* auf. Eine intertextuelle Anspielung auf Francois Ozons Kammerspiel 8 Femmes schließe ich dabei übrigens aus. Aber was taugt nun diese vermeintliche feministische Aneignung des Heist-Movies? Dazu habe ich mir mal wieder Drei Gedanken gemacht.

Auch kriminelle Karrieren sind emanzipatorisch wertvoll

Bäm! Es lässt sich nicht anders sagen: In Ocean’s 8 inszeniert Regisseur Gary Ross ungewohnt kraftvolle und unabhängige Frauen*, wie ich sie im Kino viel, viel öfter sehen möchte. Insbesondere die Musikuntermalung trägt dazu bei, dass wir innerlich vor Respekt niederknien. Hier entsteht eine Form der Bewunderung, die Frauen*figuren auf der Leinwand selten hervorrufen.

Debbie Ocean (Sandra Bullock), die nach einer 5-jährigen Haftstrafe sofort den nächsten Coup plant, und ihre Kolleginnen verfolgen Lebensträume jenseits der romantischen Zweierbeziehung. Tatsächlich spielen Männer* hier nur als unliebsame Ex-Freunde eine Rolle und sind davon abgesehen konsequent marginalisiert. So tritt beispielsweise der Gatte von Familienmutter Tammy (Sarah Paulson) zu keinem Zeitpunkt im Film auf. Und auch in der Durchführung ihrer kriminellen Pläne sind die Heldinnen – bis auf eine betrübliche wie auch unnötige Ausnahme – nicht auf männliche* Unterstützung angewiesen.

Der Geschlechtertausch funktioniert also zum Einen in der umgekehrten Unsichtbarkeit, zum anderen aber auch in einer der wenigen relevanten Männer*figuren, dem Kunsthändler Claude Becker (Richard Armitage), der hier auf sein attraktives Äußeres reduziert als unfreiwilliger Lockvogel dient. Dabei ist die Umkehrung der Unsichtbarkeit eine subtile und zugleich kraftvolle feministische Strategie, da sie Männer* nicht kritisiert oder lächerlich macht, sondern schlicht und einfach auf dasselbe Abstellgleis befördert, auf dem sich die letzten hundert Jahre der Filmgeschichte vornehmlich Frauen* tummelten. Denn es soll hier eben nicht um Männer* gehen, auch nicht in kritischer Art und Weise, sondern endlich einmal um Frauen*! Im dritten Akt schafft Ocean’s 8 sogar eine – wenn auch zugegebener Maßen sehr begrenzte – Bühne für Schauspieler_innen über 60.

© Warner Brothers

Wie Frontfrau* Debbie in einem kurzen feministischen Meta-Moment verkündet, soll der groß angelegte Diebstahl all jenen 8-jährigen Mädchen* Hoffnung geben, die in ihren Kinderbettchen von einer kriminellen Karriere träumen. Das klingt natürlich erst einmal schrecklich unpädagogisch und ist doch des Pudels Kern. Da Emanzipation vor allem bedeutet, das eigene Leben frei von restriktiven gesellschaftlichen Vorgaben zu gestalten, muss auch ein Weg abseits der Gesetzestreue eine Option sein. Ocean’s 8 erweitert somit das Portfolio weiblicher Lebensentwürfe. Ob es sich hierbei um eine legitime Berufswahl handelt, ist dabei eine völlig andere und in diesem Kontext gänzlich unwichtige Frage.

Und à propos Meta-Moment: Wenn der Film zum Schluss seine Heldinnen dabei zeigt, wie sie die Früchte ihrer Arbeit ernten, so wirft er auch einen Blick auf die Zukunft des Hollywood-Sternchens Daphne (Anne Hathaway), das nun im Regie-Stuhl an einem rein weiblich* besetzten Set sitzt. Damit spricht Ocean’s 8 einen leisen Kommentar zur Situation hinter den Kameras aus, der jedoch mit Vorsicht zu genießen ist. Zum Einen weil in der Produktion von Ocean’s 8 selbst ebenfalls mehrheitlich Männer* in den kreativen Schlüsselpositionen zu finden sind. Zum Anderen weil es keine Frage des Geldes ist, ob Frauen* im Regiestuhl landen. Sie müssen sich diesen Platz nicht erkaufen, sie haben sich ihn schon längst verdient.

© Barry Wetcher

Quantität ist nicht gleich Qualität

Quantitativ ist Ocean’s 8 ein voller feministischer Erfolg. Einem qualitativen Blick jedoch kann das Konzept nicht standhalten. Das Drama ausgelutschter Stereotype beginnt gleich in der ersten Szene, in der sich eine perfekt geschminkte Sandra Bullock, die mindestens zehn Jahre jünger aussieht als sie ist und noch mal zehn Jahre jünger als sie in ihrer Rolle nach einer fünfjährigen Gefängnisstrafe aussehen sollte, einer Bewährungskommission stellt. Auch die pseudo-fettigen Haare helfen hier nicht dabei, dass Filmfigur Debbie wie auch alle weiteren Frauen* des Films unter dem leiden, was ich das „Drei Wetter Taft“-Syndrom nenne: Sie sind immer, aber wirklich immer, nett adrett und hübsch anzusehen, niemals zerstört oder physisch mitgenommen. Nicht einmal wenn sie sich die Seele aus dem Leib kotzen oder fünf Jahre hinter Gittern leben.

Was das von Hollywood etablierte Körperbild der Frau* angeht, kann Ocean’s 8 hier keinen emanzipatorischen Beitrag leisten, sondern unterstreicht künstliche Weiblichkeits*konzepte. Zwar treten mit Rihanna und Mindy Kaling zwei Frauen* jenseits der Topmodel-Maße auf, doch werden sie – bis auf einen kurzen Moment am Schluss – wiederum niemals als sexy inszeniert.

© Barry Wetcher

Auch was die Rollenverteilung angeht, lässt der Film reichlich Luft nach oben. So ist unter den 8 Meisterdiebinnen mit Tammy nur eine einzige Mutter vertreten, weil… nun ja, vermutlich weil sich Kind und Karriere eben einfach gegenseitig ausschließen. Und auch wenn zu der kriminellen Crew eine Hackerin gehört, treten auf Seiten der Polizei und im Security-Personal ausschließlich Männer* auf.

Stereotypen Rollenerwartungen wird auch dann entsprochen, wenn Schauspielerin Daphne im Zuge des Coups ein Brechmittel ins Essen gemischt wird. Hätte es sich hierbei um einen Mann* gehandelt, wäre der Effekt der fiesen Tropfen sicher nicht Erbrechen, sondern Durchfall gewesen. Die Beispiele für derartige Plotelemente finden sich in zahlreichen männlich* zentrierten Komödien. Aber da Frauen* bekannter Weise nicht kacken, muss die arme Daphne natürlich einen anderen Körperausgang wählen.

Freilich ist die vorgebeugte Körperhaltung über der Kloschüssel auch zentral für das Gelingen des Diebstahls des Diamant-Colliers, das jedoch selbst wieder  ein gern besungenes Geschlechterstereotyp untermalt: Diamonds are a girl’s best friend. Immerhin wollen die Diebinnen den Schmuck nicht selbst tragen, sondern gewinnbringend verhökern. Nichtsdestotrotz hinterlässt die Wahl des Diebesguts hier den bitteren Nachgeschmack einer einfallslosen Gender-Schublade.

Und wo wir schon bei Schubladen sind: Was in Ocean’s 8 komplett fehlt, ist eine queere Figur, wie sie beispielsweise die großartige Holtzman in Ghostbusters darstellte. Sowohl in Hinblick auf Schönheitsideale als auch bezüglich sexueller Identität und Orientierung bleibt Ocean’s 8 ganz dem heteronormen Hollywood-Code verpflichtet.

© Courtesy of Warner Bros. Pictures

Frauen* nach vorne – aber bitte nur die weißen

Wenn wir Ocean’s 8 als einen Versuch begreifen, die Besetzung von Hollywoodfilmen diverser zu gestalten, ist ein intersektional-feministischer Blick unabkömmlich. Und der fällt bedauerlicher Weise äußerst enttäuschend aus.

Die beiden Frontfrauen*, Debbie und Lou (Cate Blanchett), sowie das Hollywood-Sternchen Daphne sind nicht nur normschön und stets perfekt gestylt, sie sind vor allem auch weiß. Modedesignerin Rose (Helena Bonham Carter) erfreut zwar durch ein unkonventionelleres Auftreten, ist aber ein weiteres Beispiel für die rassistische Berufsverteilung unter den Figuren. Eine Schwarze Modedesignerin wäre an dieser Stelle eine erfreuliche Neuerung gewesen. Bonham Carter zu besetzen ist wiederum ziemlich einfallslos. Rihanna als Schwarze Hackerin Nine Ball muss stattdessen im Jamaica-Kiffer-Outfit und mit Ghetto-Slang agieren. Die Inderin Amita (Mindy Kaling) stammt natürlich aus einer ultra konservativen Familie. Die asiatische Trickbetrügerin Constance (Akwafina) spricht ebenfalls mit einem auch für deutsche Ohren hörbaren Akzent. All drei nicht-weißen Figuren haben gemeinsam, dass sie über auffällig wenig Dialog und Screentime und dementsprechend frappierend wenig dramaturgische Macht verfügen. Auch die Inszenierung dieser drei Frauen*figuren als auffällig unsexy zementiert eine rassistische Perspektive. Ja, Ocean’s 8 trägt der Existenz nicht-weißer Frauen* Rechnung, enthält ihnen aber sowohl Heldinnentum wie auch eine erotische Ausstrahlung vor. Und damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Nicht alle Frauen* müssen sexy sein und darin besteht ja gerade meine Kritik der Hauptfiguren. Doch die Zuordnungen sind entscheidend: Wenn nur weiße Frauen* als schön inszeniert werden, liegt eine Diskriminierung auf Grund der Hautfarbe vor. Zu diesem Aspekt gesellen sich die rassistisch angelegten Charaktere sowie deren Marginalisierung auf dramaturgischer Ebene. Da Feminismus nur intersektional funktioniert, ist Ocean’s 8 von meinem Prädikat „Emanzipatorisch Wertvoll“ also leider meilenwert entfernt.

© Barry Wetcher

Fazit

Zusammengefasst ist Ocean’s 8 ein lobenswerter Versuch, Frauen*figuren im Hollywoodkino eine neue Bühne zu geben, das männlich* geprägte Genre des „Heist Movie“ weiblich* zu besetzen und damit neue Identifikationsfiguren zu schaffen. Richtig geglückt ist das meines Erachtens jedoch nicht, zumal ganz zum Schluss aus völlig unerfindlichen Gründen doch noch ein Mann* aus dem ursprünglichen Cast geliehen werden muss, um den Coup zu vervollständigen. Auch fehlt es dem Film an Krisenmomenten und somit Spannung sowie originellen oder kultigen Figuren. Insgesamt stellt Ocean’s 8 den gesellschaftlichen Status Quo auch nicht stärker in Frage als Romantic Comedys. Selbst die überzeichneten komödiantischen Charaktere von Ghostbusters konnten da einen größeren Beitrag zur Vielfalt auf den Leinwänden leisten. In diesem Kontext ist der kleine Cameo von Topmodel Heidi Klum nur konsequent: Ocean’s 8 ist schlicht und einfach die Heidi-Version der feministischen Aneignung.

Kinostart: 21. Juni 2018