Bonjour Paris

Eine hysterisch wirkende Frau* klingelt bei ihrem Verflossenen Sturm und campiert in seinem Treppenhaus. Aufgelöst findet sie sich schließlich in der Notaufnahme wieder, sie redet ununterbrochen. Nicht immer zusammenhängend. Der diensthabende Arzt behandelt sie merklich auf der Ebene einer vermeintlichen psychischen Störung. „Nur weil man sich aufregt, ist man nicht krank!“ wettert Paula (Laetitia Dosch).

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Stimmt. Da hat sie Recht. Trotzdem wirkt sie zu Beginn des Films Bonjour Paris hysterisch – ein Wort, das ich ungerne gebrauche, in diesem Fall aber ausdrückt, dass wir die erhöhte Emotionalität der Figur über weite Strecken der Geschichte nicht nachvollziehen können. Und genau darum geht es ja bei dem Label „Hysterie“: um einen vermeintlich grundlosen emotionalen Ausbruch. Doch erfreulicher Weise ist Regisseurin Léonor Seraille in ihrem Langfilmdebut nicht am zigsten Portrait einer „Hysterikerin“ gelegen, sondern viel mehr an der Dekonstruktion dieses Stereotyps.

Je länger wir Paula auf ihrer Odyssee durch ein, wie es scheint, vollends gescheitertes Leben begleiten, desto mehr blicken wir auf den menschlichen Kern hinter der überbordenden Emotion. Es ist ja auch zum Verrücktwerden: Die beste Freundin ist schwanger und will Paula nur ohne ihre Katze beherbergen (die sie übrigens von ihrem Exfreund gestohlen hat, aber das ist eine andere Geschichte). Und der Typ von der Party, bei dem Paula Unterschlupf sucht, will ihr an die Wäsche. Ach ja, da wäre dann noch die Mutter, die ihr die Tür vor der Nase zuknallt…

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Als Zuschauer_innen lernen wir Paula kennen, wie wir jeden Menschen kennenlernen: Wir machen uns ein erstes Bild, nutzen unsere Kategorien und Stereotypen für ein Urteil. In den meisten Fällen, so wage ich zu behaupten, würden wir im Falle Paulas über dieses erste Stadium der Begegnung nicht hinausgehen. Viel zu anstrengend! Aber Léonor Seraille lässt uns hier keine Wahl und so beginnen wir Schritt für Schritt zu verstehen, woher die Emotionen, die Verzweiflung, das vermeintlich Verrückte stammen. Und am Ende ist Paula plötzlich gar nicht mehr hysterisch, sondern eine ziemlich entschlossene und selbstbewusste Frau*.

Das liegt freilich auch an der Entwicklung der Hauptfigur. Bonjour Paris ist letztlich auch die Geschichte einer Emanzipation. Die Heldin sucht ihren Weg aus der emotionalen Abhängigkeit zu ihrem Ex-Freund, der – und auch das erkennen wir erst ganz am Ende – für ihre Isolation und Hilflosigkeit maßgeblich (mit)verantwortlich ist.

Auf diese Weise erzählt Léonor Seraille zugleich auf sehr subtile Weise von der Problematik patriarchaler Strukturen, davon, wie vermeintliche Fürsorge zum Verlust der Selbstständigkeit, des Selbstvertrauens und schließlich zur Orientierungslosigkeit führen können. Eine weitere Ebene erhält die toxische Beziehung zwischen Paula und Joachim durch dessen Beruf: Als Fotograf hat er ausgerechnet mit einem Foto von Paula ersten Ruhm erlangt. Damit packt Léonor Seraille das gesamte Problem sexistischer Rollenverteilungen in den Medien, des männlichen Blicks und der gesellschaftlichen Konsequenzen aus diesen Strukturen in eine einzige überaus kluge Metapher. Und das, ohne den mahnenden, feministischen Zeigefinger zu erheben. Grandios!

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Es gibt an Bonjour Paris aber noch viel mehr zu loben als nur den emanzipatorisch wertvollen Subtext. Seraille beweist ein sicheres Gespür für Bildausschnitte und -kompositionen ebenso wie für die richtige Portion und Platzierung bissigen Humors. Bonjour Paris ist trotz des irreführenden Titels in gewisser Weise eine Abrechnung mit dem romantisierten Bild der französischen Hauptstadt und der mit ihr verknüpften Szene betont intellektueller Künstler_innen. Statt der klassischen sonnendurchfluteten Panoramen, Schlüsselszenen an Eifelturm und Louvre wie auch der ach so putzigen Cafés, in denen sich ach so interessante und kreative Menschen in faszinierend kryptischen, philosophischen Diskursen verlieren, sehen wir eine trübe und anonyme Großstadt mit oberflächlichen Menschen. Und mitten drin der orangene Farbtupfer einer verzweifelten, aber niemals lethargischen Heldin, deren Überschwang an Emotionen schließlich auch dazu führt, dass sie niemals aufgibt, sondern sich wie ein nervtötend flötender Brummkreisel immer weiter und weiter dreht. Damit übrigens bricht Léonor Seraille auch mit einem Stereotyp des französischen Kinos, das mir besonders gegen den Strich geht: die melancholisch-zerbrechliche Lolita. Und über Paula lässt sich Vieles sagen, doch melancholisch ist sie ebenso wenig wie zerbrechlich. Und eine Lolita schon gar nicht.

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Kleinere Wermutstropfen gibt es in dieser Inszenierung allerdings auch. So empfinde ich das Thema Mutterschaft im Kontext der Geschichte als sexistisches Stereotyp, bestätigt Bonjour Paris doch hier das Vorurteil, die Selbstfindung einer Frau* müsse immer auch dieses Kapitel beinhalten. So wundert es dann im Grunde wenig, dass die Figur einer berufstätigen Mutter alle negativen Klischees bestätigt: Sie ist abwesend, lieblos und voll gehässiger Eifersucht auf ihre herzenswarme Babysitterin. Meiner Meinung nach hätte Bonjour Paris auch ohne diesen thematischen Schlenker funktioniert, denn ja, ich bin davon überzeugt, dass sich weibliche* Emanzipation auch ganz ohne Mutterschaft erzählen lässt.

Trotz dieses Kritikpunkts und der zugegebener Maßen in den ersten zwei Dritteln außerordentlich anstrengenden Hauptfigur, erhält Bonjour Paris von mir nicht nur das Prädikat „emanzipatorisch wertvoll“, sondern auch eine Empfehlung. Der Film ist übrigens Teil der Reihe Femmes Totales, die gerade durch deutsche Kinos tourt!