Berlinale 2018: Ein Rückblick abseits des Kinos

Die Berlinale 2018 war für mich eine besonders geschäftige. Seit Jahren habe ich im Zuge des Festivals nicht mehr so viele Artikel verfasst und natürlich gab es dazu noch zahlreiche Veranstaltungen zum Thema Filmfrauen* zu besuchen, die ich lange nicht alle in meinem Terminkalender unterbringen konnte.

Von identitären Störungen und einem europäischen Aufschrei

Besonders schade war, dass ich ausgerechnet jene Events verpasste, in denen #metoo, also sexualisierte Gewalt und Belästigung, sowie der damit verbundene Machtmissbrauch in der Filmbranche im Fokus standen. Zum Beispiel die von Pro Quote Film veranstaltete Podiumsdiskussion zu dem Thema, die ich leider aus Termingründen selbst nicht besuchen konnte. Schlagzeilen machte dieses Event übrigens weniger mit den diskutierten Inhalten, sondern wegen der Störung durch Identitäre, von der unter anderem die Medienwisseschaftlerin Skadi Loist auf Twitter berichtete.

Auch bei dem jährlichen Event von Women in Film and Television Germany stand das Thema Machtmissbrauch im Zentrum der Veranstaltung, bei der unter anderem die europäische Initiative Speak Up vorgestellt wurde. Leider kann ich auch von diesem Ereignis nicht aus erster Hand berichten, aber immerhin auf die ausführliche Webseite des Projekts verweisen. Dort sind auch die sieben Schritte nachzulesen die Speak Up als praktische Hilfestellung im Kampf gegen sexualisierte Gewalt und Belästigung in der Filmbranche vorschlägt.

Eurimages: Der Europarat und ein Wiener Modell

Anna Serner, Isabel Coixet, Barbara Albert, Nick Holdsworth (v.l.n.r.) © Filmlöwin

Der europäische Filmförderungsfonds Eurimages lud zu einem „Gender Panel“, auf dem unter anderem Isabel Coixet, Barbara Albert und Anna Serner vom Schwedischen Filminstitut saßen, um über den Status Quo zu sprechen. Anlass des Events war das erste Dokument mit europäischen Standards zu Geschlechtergerechtigkeit in der Filmbranche, das nun dem Europarat vorliegt. Darin enthalten sind nicht nur Informationen zur Situation weiblichen* Filmschaffens und der ungleichen Verteilung von Fördergeldern, sondern vor allem auch eine Reihe von Vorschlägen, wie diese Missstände zu beheben seien – praktische Hilfestellungen, die nun wiederum an die verschiedenen Mitgliedsstaaten weitergegeben werden sollen. „50/50 by 2020“ ist hier das erklärte Ziel.

In diesem Rahmen stellte auch Prof. Dr. Elizabeth Prommer von der Uni Rostock, die seit vergangenem Sommer mit ihrer von der MaLisa Stiftung initiierte Studie Audiovisuelle Diversität anhaltend in den Medien präsent ist, neue Zahlen zum deutschen Kino vor. Stolze 48% der untersuchten Kinofilme aus den Jahren 2011 bis 2016 entbehrten laut Prommer einer weiblichen Hauptfigur, während nur 38% der Filme auf eine männliche Hauptfigur verzichteten. Schließlich hätten die Daten auch eine eindeutige Korrelation zwischen der Frauen*quote hinter und vor den Kameras ergeben: Führen Frauen* Regie oder treten als Produzentinnen auf, steige die Wahrscheinlichkeit, dass auch die erzählte Geschichte um weibliche* Figuren kreisten.

In diesem Zusammenhang kam auch das Modell des Filmfonds Wien zur Sprache, das Förderhöchstbeträge nur noch an Projekte vergibt, in denen mindestens eine Schlüsselposition weiblich* besetzt ist. Warum nutzen wir in Deutschland eigentlich nicht ein solches Modell, um Diversität in Filmteams und eine gerechtere Verteilung öffentlicher Gelder zu gewährleisten?

EWA und die CinematographersXX

Das Kernteam von EWA: Francine Hetherington Raveney, Alexia Muiños Ruiz, Alessia Sonaglioni, Cecilia Johnson-Ferguson © Filmlöwin

Beim jährlichen Event von European Women’s Eurovisual Network stellte sich unter anderem die neue Initiative CinematographersXX Germany vor, in der sich Kamerafrauen* zusammenschließen, auf einer Webseite präsentieren und natürlich einander unterstützen. Die beiden Vertreterinnen des Netzwerks, Christine A. Maier und Anna Bürger, berichteten unter anderem auch von den Hürden in ihren eigenen beruflichen Lebenswegen, von fehlender Unterstützung in der Familie bis hin zu ungerechter Bezahlung. Maier beschrieb die Benachteiligung von Kamerafrauen* dabei als systemisches Problem, das auch als solches, idealer Weise mit einer Quote, gelöst werden müsse. Ihre Position, dass Frauen* durch eine geschlechterspezifische Sozialisation auch einen spezifischen (Kamera)Blick hätten, wurde durchaus kontrovers diskutiert. Beeindruckend für mich persönlich war aber ihre klare Haltung, dass sie bestimmte Filme oder auch Szenen aus Prinzip nicht drehen würde. Übrigens arbeitet Christine A. Maier eng mit Barbara Albert zusammen, unter anderem in ihrem letzten Film Licht.

Starke Stimmen bei Pro Quote Film

Jutta Brückner © Filmlöwin

Natürlich durfte auch das jährliche Event von Pro Quote Film in der Akademie der Künste nicht fehlen, dass auch 2018 wieder durch eine grandiose Rede von Regisseurin Jutta Brückner bereichert wurde. „Bildet Banden“ forderte Brückner das Publikum auf und warb darüber hinaus wie schon im Vorjahr für die Idee einer Stiftung zur Sicherung des weiblichen* Filmschaffens.

Ebenfalls am Mikro stand erneut Prof. Dr. Elizabeth Prommer, die wieder neue Zahlen im Gepäck hatte. Heldinnen verfügten im Schnitt nur über 28:45 min. Screentime, während ihre männlichen* Kollegen 35:05 min. zu sehen seien. Die Redezeit von Frauen* sei mit durchschnittlich 5 Minuten auch deutlich geringer als jene der Männer* von 8 Minuten. Zudem erklärte Prommer, dass Frauen* ökonomischer arbeiteten: Sie benötigten deutlich weniger finanzielle Mittel um dasselbe Einspielergebnis zu erzielen wie ihre männlichen* Kollegen. Na, wenn das nicht mal ein unschlagbares Argument ist!?

Auffällig waren bei dieser wie gewohnt durch unterhaltsame Programmpunkte aufgelockerten Veranstaltung übrigens zwei Dinge:

Es wird nicht mehr nur über das gesprochen, was erstritten werden soll, sondern auch über das, was bereits erreicht wurde. Insbesondere Barbara Rohm aus dem Pro Quote Film Vorstand nannte neben den Zielen der jüngst transformierten Organisation auch deren bisherige Erfolge.

Weiterhin auffällig war die Abwesenheit von Maria Furtwängler, die ja noch vor einem dreiviertel Jahr am selben Ort im Rahmen ihrer Pressekonferenz als neue Gallionsfigur des Diskurses um Frauen* in der Filmbranche aufgetreten war. Und damit beziehe ich mich nicht auf die physische Präsenz von Frau Furtwängler, sondern die auffällige und kuriose Abwesenheit ihres Namens, der erst ganz zum Schluss der Veranstaltung und auch nur am Rande fiel. Damit bestätigt sich leider eine Beobachtung, die ich in den vergangenen Jahren wiederholt gemacht habe: Die verschiedenen und inzwischen zahlreichen Akteur_innen sind untereinander nicht optimal vernetzt. Die Aufforderung von Jutta Brückner, Banden zu bilden, sollten wir also unbedingt wörtlich nehmen!

Eine Initiative der Filmhochschulen

Dafür war Maria Furtwängler an anderer Stelle präsent, nämlich als Schirmherrin des Empfangs der deutschen Filmhochschulen, zu dem ich leider nicht geladen war, weshalb ich auch hiervon nur aus zweiter Hand berichten kann. In diesem Rahmen gab es ebenfalls eine Diskussion zum Thema Geschlechtergerechtigkeit, bei der die Initiative „Gemeinsam für Gender-Gerechtigkeit“ vorgestellt wurde, an der sich die dffb, die Filmakademie Baden-Württemberg, die Filmuniversität Babelsberg Konfrad Wolf, die HFF München, die ifs Köln und die Kunsthochschule Köln beteiligen. Das gemeinsame Positionspapier ist online öffentlich einsehbar.

Von der Unsichtbarkeit Schwarzer Filmschaffender in Deutschland

Simon(e) J. Pateau, Emily Morgan, Karola Gramann, Sheri Hagen, Christopher Racster, Aurora Redonò (v.l.n.r.) © Filmlöwin

Den Abschluss der Filmfrauen*-Veranstaltungen auf der Berlinale bildete auch in diesem Jahr der Empfang des Internationalen Frauenfilmfestivals Dortmünd/Köln mit einem Panel zum Thema „Diversity“, bei dem es nicht nur um die Repräsentation von Frauen*, sondern auch um die von Personen of Color, queeren Identitäten oder Menschen mit Behinderung ging. Die Diskussion kreiste einmal mehr um das Thema der Filmförderung und der darin verborgenen Entscheidung darüber, was sichtbar wird und was unsichtbar bleibt. Dabei verwies die deutsche Schauspielerin und Regisseurin Sheri Hagen auf die von mir bislang völlig unterschätzte Diskriminierung Schwarzer Perspektiven im deutschen Film: Nicht nur, dass das Rollenspektrum für Schauspieler_innen of Color hierzulande erschreckend klein sei, sondern auch dass bis heute kein Film mit Schwarzer Perspektive in Deutschland öffentliche Fördergelder erhalten hätte.

Dieses Thema ist übrigens gerade durch den Film Black Panther besonders aktuell: Die deutsche Schauspielerin Florence Kasumba, die hier den Part der Ayo übernimmt und zudem auch in Wonder Woman als Senatorin Acantha zu sehen war, gehört zu jenen Darsteller_innen, die aus Mangel an interessanten Rollen aus Deutschland filmisch nach Übersee „auswandern“. Ich finde das ziemlich entlarvend für unsere Film- und Medienkultur.

Die britische Produzentin Emily Morgan brachte in diesem Zusammenhang die aktuelle Förderpolitik des British Film Institute ein. Dort muss beim Antrag auf Filmförderung nun Auskunft über die Diversität des Filmteams gegeben werden. Ohne diese Informationen lässt sich das Online-Formular gar nicht erst abschicken.

Fazit: Es ist Zeit für Aktivismus

Simon(e) Pateau © Filmlöwin

Von solchen Auflagen oder auch die vom Wiener Filmfonds geforderten Beteiligung von Frauen* sind wir hierzulande leider noch meilenweit entfernt. Diskussionen um Diversität und Geschlechtergerechtigkeit werden auch dann noch oft belächelt oder als überflüssig abgetan, wenn es um die Verteilung öffentlicher Gelder und unseren im Grundgesetz verankerten Gleichheitsanspruch geht.

Am Ende meines Berichts von den Filmfrauen*-Veranstaltungen der Berlinale 2018 möchte ich deshalb noch Regisseur_in und Performer_in Simon(e) J. Pateau zitieren, die beim Empfang des Frauenfilmfestivals die Keynote vortrug: „I would much rather not stand here today, but just make my art.“

Nur falls daran noch irgendein Zweifel besteht: Niemand beschwert sich hier aus Spaß an der Freude, keine der Aktivist_innen weiß sonst nichts mit der Zeit anzufangen. All diese Initiativen, Veranstaltungen, Studien und Netzwerke gibt es, weil die Filmbranche immer noch von sexistischen und anderweitig diskriminierenden Strukturen durchsetzt ist. Oder auch wie es Jutta Brückner formulierte: Wenn Frauen* gleichberechtigte Teilhabe besitzen, müssen sie nicht mehr gesondert geschützt werden.

Wem all diese Diskussionen also auf die Nerven gehen, der sollte sich umso mehr für Gleichberechtigung engagieren. Auf dass es eines Tages eine Berlinale gibt, auf der wir diese Veranstaltung nicht mehr brauchen!