IFFF 2015: Die Königin der Stille

© IFFF 2015

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In die Königin der Stille zeigt uns Agnieszka Zwiefka gleich zweifach eine neue Welt: Die Welt der Roma und die Welt der Gehörlosen. Ihre Heldin Danisa lebt in einer improvisierten Siedlung aus Holzhütten am Rande einer polnischen Großstadt. Im Hintergrund ragen die Plattenbauten in den Himmel, im Vordergrund spielen Danisa und ihre Freund_innen zwischen den aus Holzresten zusammengezimmerten Buden, auf abgetretenen Teppichen und mit zerfledderten Puppen, die sie aus den Rot Kreuz Containern ziehen. Ihre Kleidung ist wild zusammengewürfelt, oft nicht wettergerecht, die Gesichter dreckig. Die Atmosphäre könnte trist genannt werden.

Aber das ist sie nicht. Denn Danisa, das kleine gehörlose Mädchen und Star des Films, überstrahlt mit ihrem fröhlichen Temperament auch die schwierigsten Lebensbedingungen. Abgeschnitten von der oralen Tradition ihrer Kultur erschafft sie sich nicht nur eine eigene Sprache, sondern auch eine eigene Welt, die sich an ihren Lieblingsfilmen aus Bollywood orientiert. Immer wieder unterbricht Agnieszka Zwiefka ihren Dokumentarfilm, um bunt inszenierte Choreographien zu zeigen. Dabei legt insbesondere Danisa ein beeindruckendes Bewegungstalent an den Tag. Ohnehin ist ihre Mimik und Gestik stark ausgeprägt. Ohne Zugang zu einer standardisierten Gebärdensprache, hat das Mädchen im Laufe seines Lebens gelernt, mit dem ganzen Körper zu kommunizieren.

Die beschwingten Zäsuren brechen den schwierigen Alltag der Roma-Gemeinschaft auf. Eine Räumung droht, Hoolings legen Feuer am Rande der Siedlung und weil das Betteln nicht mehr genug einbringt, hat Danisas Familie schließlich nicht einmal mehr Geld für Nahrung. Zwiefkas Bollywood-Einlagen bagatellisieren diese Situation nicht. Sie sind Ausdruck von Danisas unerschöpflich fröhlichem Gemüt und ihrer Lebensfreunde, die in hartem Gegensatz zu ihrer Lebenssituation stehen. Gleichzeitig verleihen sie dem Mädchen und ihrem Umfeld Würde und Glanz und zeichnen damit ein lebensfrohes statt problematisches Bild der Roma-Kultur.

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Agnieszka Zwiefka hat ein Jahr lang mit den Roma gelebt, bevor sie überhaupt beginnen konnte, Material für ihren Film zu sammeln. Sie lernte ihre Sprache und passte sich durch ihre Kleidung an das Umfeld an. Danisa entdeckte sie durch Zufall. Das Mädchen drängte sich einfach ständig in den Vordergrund und es gab schließlich keine andere Möglichkeit, als sie zur Königin der Stille, zur Heldin des Films zu machen. Bis auf die Bollywood-Einlagen ist der Film dennoch reine Beobachtung. Zwiefka griff so wenig wie möglich in den Alltag der Roma-Siedlung ein, um ihren Dokumentarfilm so authentisch wie möglich zu gestalten. Das ist in Anbetracht der packenden Dramaturgie schwer zu glauben. Durch eine gelungene Montage der verschiedenen Ausschnitte und Episoden entsteht tatsächlich eine klassische Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende. Der Hauptgrund dafür aber, dass wir von der erste bis zur letzten Minute am Ball bleiben, ist Danisa.

Inzwischen, so erzählte Agnieszka Zwiefka beim Frauenfilmfestival in Dortmund, haben zahlreiche Zuschauer_innen des Films angeboten, Danisa zu adoptieren oder ihr zumindest eine Ausbildung zu finanzieren. Und so soll demnächst ein Fonds für das Mädchen eingerichtet werden, um ihr unter anderem den Besuch eines Internats für Gehörlose zu ermöglichen.

Es bleibt ein wenig Skepsis auf meiner Seite, ist es doch zu einfach, unser schlechtes Gewissen in Anbetracht aller Diskriminierung und Ausgrenzung durch die Spende an ein kleines Mädchen zu erleichtern. Bringt uns Die Königin der Stille den Roma wirklich näher? Ich finde nicht. Aber es bringt uns der Erlebniswelt eines Mädchens mit Hörbehinderung näher, ihren Versuchen, sich mitzuteilen, mit der Welt und den Menschen in Kontakt und Kommunikation zu treten. Viele Diskussionen, zum Beispiel jene über die Räumung des Lagers, kann Danisa gar nicht verfolgen. In gewisser Weise ist sie somit die Außenstehende unter den Außenstehenden, doppelt diskriminiert. Und trotzdem lacht und strahlt sie und lässt den Funken ihres fröhlichen Temperaments problemlos auf das Kinopublikum überspringen. Eine beeindruckende Person. Und ein beeindruckender Film.