Der andere Liebhaber – Hysterie statt Gaslighting

Eine zerbrechliche junge Frau* bekommt einen Haarschnitt. Doch was eine Alltagssituation sein könnte, erweckt hier den Anschein eines Übergriffs. Die Schere verletzt ihre körperliche Integrität, schneidet nicht ihre Haare, sondern beschneidet sie. Und was mit der neuen Frisur zum Vorschein kommt, ist eine gebrochene, eine verletzte Person.

So beginnt François Ozons neuer Film Der andere Liebhaber: Heldin Chloé (Marine Vacth) wird von der ersten Filmminute an nicht nur als Objekt, sondern auch als Opfer inszeniert, als ein passiver Körper mit dem etwas geschieht, der geformt, malträtiert wird.

Und es folgt ein Bild, das sich über die Lauflänge des Films zum Motiv entwickelt: Eine Körperöffnung, in die etwas eindringt. Wir werfen einen Blick in Chloés Vagina auf ihren Cervix – abseits von Annie Sprinkles legendärer Performance Public Cervix Announcement ein seltenes Bild. Es geht hier jedoch natürlich nicht um die Schönheit dieses selten sichtbaren Organs, sondern um etwas Krankhaftes, denn der Blick, den wir als Zuschauende nachvollziehen, ist der einer Gynäkologin, die eine Infektion diagnostiziert. Das weibliche* Geschlecht wird, wie beispielsweise auch in Lars von Triers Nymphomaniac 2, hier nur im Zusammenhang mit Krankheit abgebildet.

Aber es geht mir an dieser Stelle weniger um die Bedeutung der Vulva und Vagina, als um den intimen Blick in Chloé hinein, der sich vielfach wiederholen wird – im tatsächlichen wie auch im übertragenen Sinne. Denn nicht nur Körperöffnungen, Löcher und Verletzungen spielen eine tragende Rolle in dieser Geschichte, sondern auch das Eindringen in den weiblichen* Körper, in die weibliche* Person. Die Verletzung von Integrität ist das eigentliche Thema des Films.

© 2017 – MANDARIN PRODUCTION – FOZ – MARS FILMS – FILMS DISTRIBUTION – FRANCE 2 CINÉMA – SCOPE PICTURES / JEAN-CLAUDE MOIREAU

Chloé sucht einen Therapeuten auf, um ihren vermeintlich psychosomatischen Unterleibsschmerzen auf den Grund zu gehen. Der Psychologe dringt in sie wie zuvor das Spekulum und die Bildmontage macht diese übergriffige und unangemessene Nähe spür- und sichtbar. Wo die professionelle Distanz fehlt, geschieht das Verbotene und hier doch Unvermeidliche: Chloé und Therapeut Paul (Jérémie Renierverlieben sich ineinander. Dass diese Liebe von vornherein eine krankhafte ist, versäumt der Film jedoch in der notwendigen Konsequenz zu erzählen. Dass sich der Zugang, den Paul sich als Therapeut zu Chloés Persönlichkeit verschafft, ein gewaltsamer ist, bleibt weitgehend ungesagt und ungezeigt. Statt in Selbstwirksamkeit, der Gewissheit ihre Heilung durch eigene Leistung erreicht zu haben, besteht der Therapieerfolg in Ko-Abhängigkeit: Chloé begreift nicht sich, sondern Paul als Heilmittel, möchte eigentlich lieber krank und schwach bleiben, damit ihr männliches* Gegenüber für sie stark sein kann. Damit ist Chloés Heilung stets nur scheinbar. Ihr Genesungsprozess, der auf der Bildebene über stereotyp weibliche* und vor allem aufreizende Kleidung und Verhaltensnormen erzählt wird, besteht nicht in Emanzipation, also Selbstermächtigung, sondern in Unterwerfung und Abhängigkeit.

© 2017 – MANDARIN PRODUCTION – FOZ – MARS FILMS – FILMS DISTRIBUTION – FRANCE 2 CINÉMA – SCOPE PICTURES / JEAN-CLAUDE MOIREAU

Und so ist es auch kein Wunder, dass das traute Liebesglück nicht von Dauer ist, dass sich Misstrauen breitmacht, ob diese Verbindung tatsächlich eine gleichberechtigte sei. So tief Paul in Chloé eingedrungen ist, so vehement versperrt er ihr nicht nur den Zugang zur eigenen Person, sondern verteidigt diesen auch durchaus aggressiv. Schließlich legt er ihr nahe, noch einmal eine Therapie zu beginnen, auch das ein Klassiker misogyner Beziehungsstrukturen, die das Problem immer in der Geistesschwäche der Frau*, niemals aber in der Übergriffigkeit des Mannes* ansiedeln.

Leider verlässt der Film an eben dieser Stelle den Weg einer Beziehungsanalyse. Statt das von Paul ausgeübte Gaslighting in den Blick zu nehmen, also das Infragestellen von Chloés Wahrnehmung zur Aufrechterhaltung seiner Macht über sie, beginnt sich Der andere Liebhaber nun im Klischee der hysterischen Frau* zu verlieren. Denn Chloé ahnt nicht nur ein Geheimnis, sie entdeckt es: Einen Zwillingsbruder (Jérémie Renier), ebenfalls Therapeut und quasi der Mr. Grey seiner Profession, mit haarsträubenden Methoden, von denen sich die junge Frau* jedoch ebenso abgestoßen wie angezogen fühlt. Nach dem beliebten „Komm schon Baby, Du willst es doch auch“-Schema ignoriert der böse Zwilling Louis mehrfach Chloés unmissverständliches „Nein“ und macht doch – ihrem wohligen Stöhnen nach zu urteilen – alles richtig.

© 2017 – MANDARIN PRODUCTION – FOZ – MARS FILMS – FILMS DISTRIBUTION – FRANCE 2 CINÉMA – SCOPE PICTURES / JEAN-CLAUDE MOIREAU

Natürlich geht all das an Chloé aber nicht spurlos vorüber. Ihre psychosomatischen Schmerzen kehren zurück, ihre Zerbrechlichkeit tritt überdeutlich zu Tage und geht nahtlos in einen psychotischen Zustand über. Traum und Wirklichkeit verschwimmen untrennbar miteinander – nicht nur für die Heldin, sondern auch für uns Zuschauende. Die Auflösung des folgenden Albtraums jedoch ist im Grunde keine. François Ozon verweigert nicht nur seinen Zuschauer_innen, sondern auch seiner Hauptfigur eine Offenlegung des Gaslightings, und vergewaltigt Chloé damit ein weiteres Mal. Es ist eines der Hauptprobleme dieses Films, dass er einerseits sexistische und misogyne Muster offenzulegen weiß und doch selbst immer wieder in jene verfällt: Die Faszination für die zerbrechliche Heldin und das Verletzen ihrer körperlichen Integrität, vor allem aber der Rückgriff auf das Bild der Hysterie bei gleichzeitiger Vernachlässigung der durch Paul ausagierten psychischen Gewalt.

Die kleinen Momente der Ermächtigung, die Chloé im Laufe der Geschichte vergönnt sind, beispielsweise wenn sie das ihr verweigerte Eindringen in die Psyche des Partners durch das körperliche Eindringen mit Hilfe eines Strap-Ons kompensiert, finden alle im Kontext der Psychose statt. Somit ist nicht zweifelsfrei festzustellen, ob es sich hierbei nur um Fantasien oder tatsächliche Empowerment-Strategien handelt. Am Ende legt der Film den Schluss nahe, dass die Zwillingsverwirrung nur in Chloés Kopf stattgefunden habe, dass es eben doch immer nur um Hysterie, mit Sicherheit aber nicht um eine Form psychischer Gewalt gegangen sei.

So bleibt als abschließende Interpretation die ziemlich bittere Folgerung der all umfassenden weiblichen* Schuldhaftigkeit, die selbst dann greift, wenn Männer* Grenzen übertreten. Aber selbst wenn es niemals einen bösen Zwilling gegeben hätte, so wäre Paul noch immer eine gespaltene Persönlichkeit, die zwischen liebevoller Fürsorge und narzisstischem Machtmissbrauch oszilliert. Nicht nur Paul, sondern auch der Film, betreiben Gaslighting, ziehen Chloés Wahrnehmung in Zweifel und übertragen die Verantwortung schließlich auf sie. Am Ende ist sie der böse Zwilling.

© 2017 – MANDARIN PRODUCTION – FOZ – MARS FILMS – FILMS DISTRIBUTION – FRANCE 2 CINÉMA – SCOPE PICTURES / JEAN-CLAUDE MOIREAU

Nun ließe sich all das freilich auch als Kritik lesen, als Kritik am Eindringen in die weibliche* Person, an Gaslighting und am Konzept der Hysterie. Dafür jedoch lässt der Film zu viele Lücken, schwelgt zu sehr in seinen Ambivalenzen, lässt zu viel Möglichkeiten offen, misogyne und sexistische Ansichten bestätigt zu sehen: Dass Nein eben doch Ja heißt. Dass Frauen auf rücksichtslose Arschlöcher stehen und am liebsten hart und brutal sexuell überwältigt werden. Dass die weibliche Psyche sehr fragil und daher stets in Zweifel zu ziehen ist. Und dass Hysterie im luftleeren Raum aus der Frau* selbst entspringt, mitnichten aber im Zusammenhang mit der sie umgebenden Gesellschaft oder Beziehungssituation steht. Und diese Deutungsmöglichkeiten drängen sich übrigens derart auf, dass ich an dieser Stelle unbedingt eine Trigger-Warnung für alle jene Menschen aussprechen möchte, für die eine intensive Darstellung psychischer Gewalt retraumatisierend wirken könnte.

Damit bin ich nach Jung & Schön von François Ozon ein weiteres Mal tief enttäuscht. Beide Filme bergen ein so großes Potential, weibliche* Stärke zu inszenieren, eine Geschichte von Empowerment und Emanzipation zu erzählen. Doch es verhält sich mit Ozons Frauen*figuren scheinbar wie mit Chloé und ihrem Therapeuten: Sie müssen krank und schwach sein, damit er sich groß und stark fühlen kann. Nur in der Zurschaustellung der weiblichen Fragilität kann sich filmkünstlerisches Genie ausdrücken. Setzen: Sechs.

Kinostart: 18. Januar 2018