Berlinale 2018: Yours in Sisterhood

Das Ms. Magazin wurde 1972 von Gloria Steinem und Dorothy Potman Hughes gegründet und war in den USA die erste feministische Zeitschrift mit großer, breitenwirksamer Auflage. Und wie jedes große Magazin heute wie damals erhielt auch Ms. von Anfang an jede Menge Leser_innen-Briefe – mehr Briefe als die Zeitschrift jemals hätte veröffentlichen können. Und so wanderten einige dieser Stimmen statt in die Presse ins Archiv.

© R. Ron Jones

Die Filmemacherin Irene Lusztig hat diese Schriftstücke wieder ausgegraben und lässt sie in ihrem Dokumentarfilm Yours in Sisterhood endlich ein Publikum finden. Die Briefe werden bis auf wenige Ausnahmen jedoch nicht von den Autorinnen selbst, sondern von anderen Menschen vorgetragen. Die Auswahl der Sprecher_innen ist dabei nicht beliebig. Immer stammen sie aus eben jenem Ort, den auch die Absenderinnen angaben. Oft gibt es aber noch weitere Gemeinsamkeiten in den Lebensläufen, ähnliche Erfahrungen mit Diskriminierung oder Schicksalsschlägen.

Yours in Sisterhood schlägt damit teilweise jene Brücke zwischen verschiedenen Generationen von Feministinnen, an der wir dieser Tage oftmals scheitern. Das Erschreckende dabei ist, dass sich an den Themen wenig geändert zu haben scheint. Insbesondere wenn es um sexualisierte Gewalt oder Belästigung geht, ähneln sich die Lebensrealitäten der Frauen* von damals und heute auf bedrückende Weise. Und auch die feministischen Grabenkämpfe zu Punkten wie Sexarbeit, Abtreibung, Religion und Mehrfachdiskriminierung von beispielsweise Women of Color finden sich in den Briefen aus den 70er Jahren ebenso wie in zeitgenössischen Diskursen. „Time isn’t naturally progressive“, kommentiert das eine der Vorleser_innen.

© Berlinale

Das Konzept von Lusztigs Film ist so einfach wie genial, der Ablauf fast immer gleich: Auf den Vortrag des Briefs folgt ein kurzes Interview mit der Sprecherin über ihre Gefühle beim Lesen und eventuelle inhaltliche Anknüpfungspunkte. Die Menschen vor der Kamera sind divers und bilden einen großen Teil des Kaleidoskops von Weiblichkeit* ab. Auch ein Vortrag und Interview in Gebärdensprache ist dabei. All das passiert stets unter freiem Himmel, niemals in den privaten Räumen der Protagonist_innen.

Einerseits wirken die einzelnen Sequenzen sehr inszeniert. Die statische Kamera fängt die mittig platzierten Redner_innen wie in einer Portraitaufnahme ein. Manchmal verändert sich der Abstand, kommt die Kamera näher, manchmal aber bleibt sie auch in der immer gleichen Entfernung stehen. Dabei macht Irene Lusztig ihre Arbeit transparent. Oft sind ihre Fragen leise im Hintergrund zu hören, dann wieder wird ein Interview kurz wegen eines dröhnenden Flugzeugs oder eines interessierten Passanten unterbrochen, ohne dass die Kamera abgeschaltet würde. Und so entwickeln die Gespräche trotz ihrer offensichtlichen Künstlichkeit eine Aura von Authentizität. Vielleicht ist es diese Transparenz des filmkünstlerischen Schaffensprozesses. Vielleicht liegt es daran, dass die hier mal neutral, mal sehr lebendig vorgetragenen Briefe „echte“ Stimmen sind. Vielleicht sind es auch die treffend ausgewählten Protagonist_innen und ihre natürlichen Reaktionen auf den vorgelesenen Text. In jedem Fall wirkt Yours in Sisterhood niemals unpersönlich, sondern erzeugt im Gegenteil eine große Nähe zu den einzelnen Stimmen.

© Berlinale

Und so kommt es, dass dieser immerhin 100 minütige Dokumentarfilm keine Sekunde langweilig ist. Im Gegenteil wollte zumindest ich mir gerne noch stundenlang vorlesen lassen, mehr von diesen zum Teil bedrückenden, zum Teil empowernden Briefen hören. Die einzelnen Interviewsequenzen sind so kurz gehalten und so stimmig und flüssig montiert, dass das Kinopublikum unmerklich von einer Geschichte in die nächste gleitet und dabei das Zeitgefühl verlieren kann. Yours in Sisterhood ist ein kleiner Film mit großer Wirkung, der hoffentlich nicht nur auf der Berlinale 2018, sondern auch noch an anderer Stelle zu sehen sein wird.

Vorführungen bei der Berlinale 2018