Berlinale 2018: Touch Me Not

Adina Pintilie hat mich mit ihrem Film Touch Me Not vor eine echte Herausforderung gestellt. Denn wie über einen Film schreiben, der so fluide zwischen Dokumentarfilm und Fiktion oszilliert, bei dem sich unmöglich zwischen tatsächlichen intimen Offenbarungen und Drehbuch unterscheiden lässt, in dem die Filmemacherin selbst Teil dieser Offenbarungen wird? Ist es möglich, einem solchen Film Rechnung zu tragen, ohne mich selbst ebenfalls ein Stück weit zu offenbaren? Und möchte ich das überhaupt?

Touch Me Not ist eine Forschungsreise durch die Welt der Intimität und Körperlichkeit. Gerahmt durch die Geschichte einer Frau, Laura Benson, auf der Suche nach ihrem physischen Selbst, zeigt Adina Pintilie in ihrem Film die Begegnung unterschiedlicher Menschen und Körper. Dabei gehen auch die Schauspieler_innen sichtlich auf eine eigene Reise, erforschen sich und einander, entdecken und erweitern ihre Grenzen. Und über allem steht die Frage nach Intimität: Wie nah lassen wir andere an uns heran? Welche Berührung empfinden wir als angenehm oder unangenehm und weshalb? Was hält uns davon ab, anderen Menschen mit vollkommener Offenheit zu begegnen? Wo höre ich auf und wo fängt di_er andere an?

Adina Pintilie bleibt bei dieser Reise keine Beobachterin, sondern wird zur Protagonistin ihres eigenen Films. Touch Me Not ist auch ihre persönliche Suche nach den Grenzen ihres Selbst. Pintilias Körper bleibt dabei eine Randerscheinung, tritt nur selten vor die Kamera, aber die einleitenden Worte der Regisseurin machen deutlich: Dies ist meine Reise, auf die ich euch mitnehme!

Von sich selbst entfremdet, erforscht die Laura des Films in Begegnungen mit zwei Sexarbeiter_innen ihre Körperlichkeit und Sexualität. Zwischendurch besucht sie ihren katatonischen Vater im Krankenhaus und beobachtet bei dieser Gelegenheit einen Workshop, bei dem sich Menschen mit und ohne Behinderung körperlich begegnen. Vor allem von Tómas (Lemarquis) ist sie dabei fasziniert.

Über Lauras Blick wandert der Film immer wieder zu Tómas und seinem Workshop-Partner, dem körperbehinderten Christian (Bayerlein), die offen über ihre Gefühle und Erfahrungen berichten. Dabei beeindruckt insbesondere Christian durch sein Selbstbewusstsein und die Liebe zur eigenen Physis, die durch einen Großteil der Kinobesucher_innen vermutlich nicht als „schön“, vielleicht sogar als abstoßend empfunden wird. Schließlich aber lernen alle gemeinsam, die Menschen vor und auf der Leinwand, dass Gefühle der Abwehr und Ablehnung ihre Ursache nicht im Gegenüber, sondern immer in uns selbst haben.

Es sind auch diese Abwehrmechanismen, die wohl bei einem Teil des Publikums greifen werden, wenn Adina Pintilie Körper und Sexualitäten jenseits gängiger Normen und Schönheitsvorstellungen zeigt. Ich beispielsweise fühlte mich von Christians Körper herausgefordert, von dem Speichel, der aus seinen Mundwinkeln rann. Und ich verstand die von Tómas formulierte Ablehnung, die offen anzusprechen, ich als mutig empfand. Christian wiederum nimmt dieses Feedback keinesfalls persönlich und wertet sie nicht. Gefühle dürfen als solche einfach da sein, ausgesprochen und zur Ausgangsbasis einer intimen Begegnung werden. Und nicht nur Tómas kommt Christian durch diese Ehrlichkeit und Akzeptanz näher, sondern auch ich. Von Szenen zu Szene wird Christian für mich immer schöner, bis ich mich bei dem Gedankenexperiment ertappe, mit ihm Sex zu haben.

© Manekino Film, Rohfilm, Pink, Agitprop, Les Films de l’Etranger

Touch Me Not bietet multiple Anknüpfungspunkte zum Thema Körperlichkeit. Es geht um sexuelle Identität, um Körperbehaarung, um Behinderung, um Fetisch, um Angst und Aggression, um Emotionen, die sich in Körpern niederschlagen und einen Ausdruck finden. Nicht alle diese Themen können alle Menschen im Publikum gleichermaßen ansprechen, aber mit großer Wahrscheinlichkeit kann hier nahezu jede_r eigene Gedanken, Fragen und Gefühle wiederfinden. Einzig – und dies ist vielleicht mein größter Kritikpunkt an Touch Me Not – Personen of Color sind in diesem auffällig weißen Film unsichtbar.

Aber nicht nur die Körper sind weiß, sondern zum Teil auch die Kleider, die sie tragen. Ein Großteil des Films, von den Szenen in einem BDSM-Club abgesehen, ist in weißen und blauen Farbtönen gehalten, die ein wenig steril, aber durchaus auch freundlich und einladend wirken. Das Farbkonzept ist sehr bewusst und gehört zu den eindeutig artifiziellen Anteilen von Pintilies Inszenierung, die uns daran erinnern, hier nicht auf die ungefilterte Realität, sondern ein Kunstprodukt zu schauen.

An einer Stelle aber übernimmt sich die Filmemacherin. Wenn in Lauras Geschichte eine Vergangenheit von Missbrauch und Inzest angedeutet wird, eröffnet der Film damit ein Thema, dem er nicht gerecht werden kann. Selbst wenn diese Lesart von Pintilie nicht intendiert war, so ist sie doch möglich und suggeriert damit eine klischeehafte Gleichstellung von sexualisierter Gewalt und der Entfremdung vom eigenen Körper. Aber nicht alle Missbrauchsüberlebenden empfinden ihre Sexualität als problematisch und nicht alle Menschen, die Sexualität als Herausforderung erleben, haben Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht. Selbstredend gehört zum Themenkomplex Körperlichkeit und Begegnung auch das missbräuchliche Überschreiten von Grenzen. Diesen Bereich macht jedoch die Begegnung zwischen Laura und Sexarbeiter Seani Love auf rein körperlicher Ebene und liebevolle Weise ohne eine potentiell irreführende Psychologisierung bereits erfahrbar.

Ebenfalls schwierig gestalten sich die Plotelemente des Stalkings. Tómas verfolgt seine Exfreundin Irmena (Chichikova), setzt sich sogar an einen Tisch, an dem sie im Café gesessen hat, und trinkt aus ihrer benutzten Tasse. Tómas wird dabei wiederum von Laura verfolgt und beobachtet. Auch dies ist eine Grenzüberschreitung, die der Film als solche jedoch versäumt zu thematisieren.

Ich sehe Touch Me Not also durchaus kritisch, gleichzeitig aber auch mit derselben Faszination wie einst Vivir y otras ficciones, der nicht nur ähnliche Themen aufgreift, sondern ebenfalls auf dem schmalen Grat zwischen Dokumentar- und Spielfilm balanciert. Als ein Mensch, der sich selbst intensiv mit Körperlichkeit und Intimität beschäftigt, rührt mich Touch Me Not zutiefst an. Das Bedürfnis nach Freiheit durch den vollkommenen Frieden mit dem eigenen Körper, das Laura antreibt, kenne ich aus eigener Erfahrung. Und auch die Neugier, mit der Tómas und Christian einander begegnen, ist mir vertraut. Mich beeindruckt auch die intime und liebevolle Beziehung von Christian und seiner Freundin Grit (Uhlemann), die sich erfolgreich über normierte Vorstellungen von Gleichberechtigung hinwegsetzt und eine ganz eigene und nachvollziehbare Form der Augenhöhe etabliert, nach der ich selbst eine große Sehnsucht verspüre.

Nein, es ist mir nicht möglich, Touch Me Not gerecht zu werden, ohne mich selbst ein Stück weit zu öffnen. Und ebenso wenig ist es möglich, diesen Film zu genießen, ohne sich auf die Erfahrung, die er anbietet, einzulassen. Der Grat der Herausforderung wird für jede_n ein bisschen anders sein, aber – und davon bin ich überzeugt – etwas für unser eigenes Leben und Erleben mitnehmen können wir alle.