Berlinale 2018: High Fantasy

Wir sind ja so aufgeklärt. Wir, die wir so zwischen zwanzig und vierzig Jahre alt sind. Wir wissen was politisch korrekt, was rassistisch oder sexistisch sind. Wir sprechen gendersensibel und respektieren alle Menschen unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religion, Klasse, Körperform… Wir leben quasi ohne jegliche Schubladen. Zumindest in unserer Einbildung.

© Gabriella Achadinha

Vielleicht hätten die vier Protagonist_innen in Jenna Cato Bass’ Film High Fantasy vor ihrem gemeinsamen Campingausflug ähnliches von sich behauptet. Zumindest Lexi (Francesca Varrie Michel), die einzige Weiße im Bunde, hätte sicherlich ihre Privilegien eingestanden. Und Tatiana (Liza Scholtz), die selbstbewusst ihre Körperbehaarung im Naturzustand belässt, hätte jedwede Geschlechterstereotypen von sich gewiesen. Gemeinsam bieten die vier Freund_innen ein anschauliches Beispiel für Südafrikas „Rainbow Nation“ – eine in Freundschaft und gegenseitigem Respekt geeinte Farbpalette. Aber ist das wirklich so?

Schon auf dem Weg ins Nirgendwo des südafrikanischen Outbacks, wo Lexis Familie ein unverschämt großes Stück Land besitzt, bröckelt die Harmonie. Auch wenn die drei jungen Menschen of color ihre weiße Freundin dafür nicht in die Verantwortung nehmen, so thematisieren sie doch offen die Ungerechtigkeit der mehrere Generationen zurückliegenden Landnahme. Und dann geraten Thami (Nala Khumalo), der einzige Mann* im Bunde, und die engagierte Aktivistin Xoli (Qondiswa James) auch noch beim Thema Sexismus aneinander. Doch diese Uneinigkeiten sind nichts, was ein geselliger Abend am Lagerfeuer nicht richten könnte. Schließlich darf Thami sogar im Zelt der Mädchen* schlafen. Alles gut?!

© Gabriella Achadinha

Nein, denn am nächsten Morgen sehen sich die vier Camper_innen mit der ultimativen Perspektivübernahme konfrontiert: Tatiana steckt plötzlich in Thamis männlichem* Körper, Thami wiederum ausgerechnet in Xolis, die Antirassismus-Aktivistin in Lexis schneeweißem Antlitz und die wiederum in Tatianas Haut of color. Wo die Diskurse über Gender und Race vorher schon die Luft knistern ließen, bricht nun das Chaos aus.

„Wie fühlt es sich an, weiß zu sein?“ fragt Lexi ihre Interviewerin in der Rahmenhandlung. Der Gender- und Race-Tausch konfrontiert die jungen Menschen auf ungeahnte Weise mit der eigenen Identität, aber auch starken Vorurteilen den Anderen gegenüber und setzt Aggressionen frei, die weder wir als Zuschauende noch die Protagonist_innen zuvor erahnt haben. Die Kluft zwischen Schwarz und Weiß ist viel größer als gedacht, die friedliche „Rainbow Nation“ verkommt zu einer utopischen Idee.

© Gabriella Achadinha

All das erzählt Regisseurin Jenna Cato Bass pseudo-dokumentarisch durch die vermeintlichen Handykamera-Aufnahmen der vier Held_innen. Gerahmt ist diese chronologische Montage einzelner Clips durch Interviews, in denen Lexi, Tatiana, Xoxi und Thami die Ereignisse Revue passieren lassen und reflektieren. Nur ganz selten brechen einzelne Aufnahmen, wie die einer Drohnenkamera, mit der pseudodokumentarischen Illusion, als wolle die Regisseurin sicher gehen, ihr Publikum nicht auf die falsche Fährte zu führen. Schade eigentlich. Denn allein die „zufällig“ immens kohärenten Handyclips sind bereits eindeutige Indizien einer sorgsam inszenierten Filmhandlung. Auch die Dialoge neigen dazu, Diskursschnipsel mit dem Holzhammer zu verabreichen. Ein bisschen mehr Vertrauen ins Publikum und dessen eigene Denkleistung wäre also schön gewesen.

Und eines will in dieser ungewöhnlichen Body-Switch-Geschichte dann gar nicht ins Konzept passen: Die grafische Gestaltung der Titelsequenz und das filmmusikalische Motiv deuten eher in Richtung der 80er Jahre als ins 21. Jahrhundert der omnipräsenten Handykameras. Auch wenn die Synthesizerklänge Spannung erzeugen und den verspielten Camping-Szenen eine Aura nahenden Unheils verleihen, mögen sich hier Bild und Ton nicht recht zu einem stimmigen Gesamtwerk zusammenfügen.

© Gabriella Achadinha

Vielleicht stellt dieser stilistische Widerspruch aber auch nur einen weiteren Bruch dar, der auf die Illusion der Fiktion verweist. Wie gesagt: Mehr Vertrauen in die Zuschauer_innen hätte Jenna Cato Bass durchaus haben dürfen. In jedem Fall aber lässt sich hier maximal von einem kleinen Wermutstropfen sprechen, der einem derart spannenden und klugen Film nicht viel anhaben kann.

Screenings bei der Berlinale 2018