2017 – Das Jahr der Filmlöwin

2017 war das bislang vielleicht aufregendste Jahr der FILMLÖWIN, mit tiefen Tälern, Highlights und überraschenden Wendepunkten beruflicher und privater Natur. Unterm Strich, um das einmal vorwegzunehmen, war 2017 für die FILMLÖWIN ein immens erfolgreiches Jahr, das mich optimistisch auf die Zukunft dieses Projekts blicken lässt.

Manuela Schwesig bei Pro Quote Akademie © Filmlöwin

Januar

Dabei hatte das Jahr beruflich keinen guten Start, vielmehr trug ich mich wiederholt und recht intensiv mit dem Gedanken, meine Arbeit an der FILMLÖWIN niederzulegen. Das tue ich häufiger mal, nämlich immer dann, wenn Burn Out und Existenzsorgen sich gegenseitig auf die Spitze treiben und ich mich nach so etwas wie einem „normalen Leben“ sehne. Andererseits: Was ist schon normal?

Neue Motivation bot dann die Pro Quote Akademie zur Lohngerechtigkeit, bei der intensiv über Chancengleichheit hinter den Kameras und auch die Auswirkung derselben auf audiovisuelle Inhalte gesprochen wurde. Veranstaltungen dieser Art geben mir zuverlässig das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und somit auch neue Energie, mich mit meinem eigenen Projekt durchzubeißen.

Film des Monats: Jackie

Für die schwarze Liste: Passengers

Casting JonBenet © Netflix / Michael Latham

Februar

Natürlich stand auch dieser Februar, wie eigentlich jeder, ganz im Zeichen der Berlinale, während der ich natürlich nicht nur zahlreiche Filme schaute, sondern auch verschiedene Veranstaltungen zum Themenbereich „Frauen* in der Filmbranche“ besuchte. Das Highlight der Berlinale 2017 war in diesem Zusammenhang ganz klar der Runde Tisch der Europäischen Kommission, an dem ich gemeinsam mit vielen anderen Fachmenschen über die Darstellung von Gewalt gegen Frauen* in Film und Fernsehen diskutieren durfte. Ausführlicher habe ich über diese Veranstaltungen übrigens in meinem Festival-Tagebuch für Missy Online geschrieben.

In meinem Berlinale-Rückblick hier auf der FILMLÖWIN fand sich mit dem Abschnitt „Sexisten im Schutz der Dunkelheit“ auch ein – zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend ignoriertes – Thema, das mich dann im November einholen sollte. Dort schilderte ich nämlich unter anderem die sexuelle Belästigung durch einen Kollegen. Der Verband der Deutschen Filmkritik reagierte prompt und fragte per Email, ob er sich dieser Sache annehmen solle (an dieser Stelle noch einmal ein großer Dank!). Vor Kurzem dann wurde ich im Zuge der Weinstein- und #metoo-Diskussion gefragt, ob ich den Mann öffentlich benennen wolle. Beides habe ich aus verschiedenen Gründen abgelehnt, vor allem aber, weil es sich nicht um einen deutschen Kollegen handelt.

Film des Monats: Casting JonBenet

Für die schwarze Liste: Fifty Shades of Grey 2

März

Der März war überaus geschäftig. Ich hielt einen Vortrag zum Auftakt eines Mentoring-Programms des Helene-Weber-Kollegs, nahm endlich mal am Barcamp Frauen teil und war Mitglied der Jury des Kikife Kinderkinofestivals bei dem ich mit meinen Kolleg_innen den wundervollen Film Blanka auszeichnete (Kinostart: 29. März 2018). Außerdem veröffentlichte ich meine ersten Artikel auf der Debattenplattform SagWas von der Friedrich-Ebert-Stiftung zu den Themen Polyamorie und Sexualbegleitung.

Das FILMLÖWIN Highlight des Monats war ein Interview mit Regisseurin Isabel Suba, die einst – lang ist’s her – zu meinen ersten Interviewpartner_innen überhaupt und definitiv zu den ersten Stunden meiner feministischen Arbeit gehörte. 2017 hat sie das Mentoring-Programm Into the Wild für Filmstudentinnen ins Leben gerufen und damit einen wichtigen Beitrag für mehr Gleichberechtigung hinter den Kameras geleistet.

Film des Monats: Certain Women

Tatort: Nachbarn © WDR

April

Gleich zwei Festivals standen im April auf dem Programm: Das Frauenfilmfestival in Dortmund und das Achtung Berlin Festival, bei dem ich Teil der Filmkritik-Jury sein durfte. Ausgezeichnet haben wir gemeinsam Vanatoare von Alexandra Balteanu, der Anfang Dezember auch einen regulären, wenn auch kleinen Kinostart hatte.

Für die FILMLÖWIN ging es in diesem Monat auf Grund meines Artikels zur „Happy Vergewaltigung“ im Tatort: Nachbarn mächtig rund. Mein Text wurde durchweg positiv aufgenommen, viel geteilt und zog so weite Kreise, dass sich unter anderem die Drehbuchregisseurin der Serie Kudamm 56 bei mir meldete und bereit erklärte, mit mir das Thema „Darstellung sexualisierter Gewalt im Fernsehen“ auf einem Podium zu diskutieren. Spoiler: Dieses Podium hat es nie gegeben. Mehrere von mir angesprochene Akteur_innen zeigten sich interessiert daran es auszurichten, doch verpflichten wollte sich schließlich keine_r von ihnen. Aber: Ich bleibe dran.

Film des Monats: Ovarian Psycos

Für die schwarze Liste: Zu guter Letzt

@ Filmlöwin

Mai

Es war das Jahr der „Ersten Male“, denn 2017 besuchte ich auch endlich die re:publica. Es fällt mir schwer, die richtigen Worte für dieses Erlebnis zu finden. Zunächst einmal war ich im wahrsten Sinne berauscht vom Angebot hochinteressanter Vorträge beeindruckender Speaker_innen. Aber auch die Atmosphäre, eine durchweg authentische und engagierte Weltverbesserungsstimmung, streichelte meine Seele. Wer manchmal dem Kulturpessimismus erliegt, dem sei die re:publica sehr ans Herz gelegt. Danach glaubt ihr sicher wieder daran, dass sich diese Welt noch retten lässt!

Auch ein Vortrag stand im Mai wieder auf dem Programm, nämlich zum Start der Hannover-Ausgabe der großartigen Filmreihe Femmes Totales, die übrigens 2018 in eine neue Runde geht!

Auf der FILMLÖWIN selbst ging es auch mal wieder rund. Diesmal war es ein Artikel zum Thema Manspreading, der Wellen schlug und schließlich einen Internet-Troll dazu bewegte, sich öffentlich für seine Entgleisungen zu entschuldigen. Ein kleiner, aber feiner Sieg und Lohn für die Mühen meines Engagements. Denn gerade kleine Shitstorms, wie der in meinem Artikel ausführlich beschriebene, sind unheimlich kräftezehrend.

Außerdem erschien mein Interview mit der großartigen Barbara Fickert, die als blinde Filmkritikerin sowohl einen Blog betreibt als auch Audiodeskriptionen produziert. Die „Blindgängerin“ gehört definitiv zu den beeindruckendsten Persönlichkeiten, die ich ihm Jahr 2017 kennenlernen durfte. Danke, Barbara, dass ich mit Dir arbeiten darf!

Film des Monats: Berlin Syndrome

Juni

Der Juni begann mit dem Launch der Aktion Mensch Kampagne, in der Barbara Fickert und ich gemeinsam in einem kleinen Quiz zum Thema “Gemeinsamkeiten” auftraten. Die Dreharbeiten, die schon im April stattgefunden hatten, waren für mich definitiv ein Highlight des Jahres 2017 und öffneten mir noch einmal mehr die Augen für meine Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderungen. Ich bin unglaublich dankbar, Teil dieser tollen Aktion gewesen zu sein!

Außerdem ging es endlich mal wieder zum Filmfest München, wo ich gemeinsam mit Conrad Mildner von Cinema Forever und Lucas Barwenczik vom Longtake Podcast wieder Vlogs aufzeichnete, außerdem spannende Interviews mit Petra Volpe und Irene von Alberti führte und natürlich jede Menge Filme schaute und kritisierte.

Film des Monates: Vivir y otras ficciones

Für die schwarze Liste: Mein neues bestes Stück

Screenshot des heute-journals vom 12.7.2017

Juli

Im Juli begann so langsam das alljährliche Sommerloch, weshalb ich begann, mich der Übersetzung der FILMLÖWIN zu widmen, die dann aber im weiteren Verlauf des Jahres leider aus Zeitgründen in den Ansätzen stecken blieb.

Und dann, bevor die verschiedenen Akteur_innen der Film und Fernsehbranche in den Urlaub gingen, sorgte die Veröffentlichung der Studie “Audiovisuelle Diversität” von der Uni Rostock und der MaLisa Stiftung noch einmal für ordentlich Wirbel – auch auf der FILMLÖWIN. Denn meine Kritik am Interview des heute-journals mit Studien-Initiatorin Maria Furtwängler bescherte mir den größten Besucher_innenansturm in der Geschichte dieser Webseite.

Film des Monats: The Party

Für die schwarze Liste: Spider-Man: Homecoming

Die Hannas © W Film

August

Und dann war es da: Das Sommerloch und die damit verbundenen Existenzsorgen. Wie würde es mit der FILMLÖWIN weitergehen? Wie das Projekt weiter vorantreiben und parallel dazu durch Erwerbsarbeit meinen Lebensunterhalt sichern? Erschöpfung und Frustration machten sich breit.

Aufgehellt wurde dieser, zu allem Übel ja auch nicht sonderlich warme, Sommer durch ein Interview mit Julia C. Kaiser. Ihr Film Die Hannas hatte mich beim Achtung Berlin Festival unheimlich begeistert und als wir uns dann beim Filmfest München noch einmal begegneten, entdeckten wir schnell ein gemeinsames Interesse für das Thema der Darstellung sexualisierter Gewalt im Film, über das wir uns dann im August ausführlich unterhielten.

Bester Film: Die Hannas

Für die schwarze Liste: Tigermilch

September

Kaum aus dem viel zu knapp bemessenen Jahresurlaub zurückgekehrt stand schon der nächste Vortrag an, nämlich beim The Future is F*e*m*a*l*e* Festival in den Sophiensälen, genauer gesagt der daran angeschlossenen Academy des Henrike Iglesias Kollektivs. In einer Unterrichtseinheit von 45 Minuten bastelte ich mit den Teilnehmer_innen theoretisch und praktisch feministische Filmbrillen.

Außerdem hatte ich im Rahmen des Festivals endlich einmal Gelegenheit, mir eine Aufführung von Projekt Schoriil anzusehen: Die Filmscheißspielerinnen, wie sie sich selbst bezeichnen, Anne Haug und Melanie Schmidli erzählen in ihren Performances in bitterböser und schräg-komischer Manier von ihren Erlebnissen als Frauen* in der Filmbranche. Sehr zu empfehlen!

Als Versuch, mich wie im Stil von Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Schlamm zu ziehen, hatte ich im Sommer begonnen Video-Statements für eine kleine YouTube-Kampagne zu sammeln, die dann im September ohne jegliche Resonanz online ging. Wenn auch hierdurch kein einziger Cent für meine Arbeit geflossen ist, so waren die ermutigenden Worte meiner Unterstützerinnen dennoch ein wohltuender Motivationsschub. Danke euch allen!!

Film des Monats: Körper und Seele

Für die schwarze Liste: High Society

PorYes Award 2017 © Dorothea Tuch

Oktober

Und dann ging es richtig los. Hatte ich im August noch das Gefühl, für meine Karriere gäbe es einfach keine Hoffnung mehr, konnte ich mich plötzlich vor Angeboten und Anfragen nicht mehr retten. Die erste Station im Oktober war das Filmfest Hamburg, wo ich leider auf Grund der Sturmschäden bei der Deutschen Bahn statt vier nur zwei Tage verweilen und dementsprechend nur wenige Filme sehen konnte. Vielleicht aber war dieser zwangsverkürzte Aufenthalt auch ganz gut, denn kaum zurück in Berlin ging es schon nach Linz, wo ich die Ehre hatte die Reihe Frau.Macht.Film in Filmgesprächen zu begleiten. Nur eine Woche später tagte ich mit der Jury des Juliane-Bartel-Medienpreis, wo ich Nils Pickert von Pinkstinks kennenlernte – eine weitere beeindruckende und somit erwähnenswerte Begegnung des vergangenen Jahres.

Zu Hause in Berlin stand meine Arbeit ganz im Zeichen der Pornographie. Auf die mal wieder immens unterhaltsame Verleihung des PorYes Award folgte das Pornfilmfestival. Leider war ich zu diesem Zeitpunkt dann schon so ausgelaugt von meinen Abenteuern, dass ich dort nur zwei Tage verbrachte. Außerdem konnte ich die sich stetig verstärkende Winterdepression nicht mehr ignorieren: Ich brauchte Ruhe. Leider jedoch passiert dann das Gegenteil.

Film des Monats: Pornocracy

Für die schwarze Liste: Maudie

© Filmlöwin

November

Nach dem geschäftigen Oktober sollte der November endlich wieder ruhiger werden. Vor allem freute ich mich, wieder mehr Zeit für meine Beziehung zu haben, die unter meinen beruflichen Verpflichtungen durchaus gelitten hatte. Doch diese Chance wollte mir mein Freund leider nicht mehr geben. Die Trennung stürzte mich final in eine tiefe Depression, die umso anstrengender war, als dass ich bis Jahresende noch zahlreiche wichtige berufliche Verpflichtungen auf dem Zettel hatte. Zudem hatte ich gerade angefangen an einem spannenden Projekt des journalistinnenbund mitzuarbeiten. Woher all die Kraft nehmen?

Es half alles nichts: The show must go on. Und es gab eine große Show, die ich – natürlich nichtsahnend dessen, was privat auf mich zukommen würde – selbst angestoßen hatte. Schon Ende Oktober hatte ich auf einen meines Erachtens sexistischen und misogynen Text des Kollegen Rüdiger Suchsland zu Harvey Weinstein eine ausführliche Replik verfasst. Prompt folgte die Antwort, auf die zu reagieren mir jedoch aus verschiedenen Gründen nicht möglich war. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass ich die vorgeschlagene öffentliche Diskussion auch gar nicht führen wollte, weshalb ich schließlich folgendes „letztes Wort“ in der Sache veröffentlichte.

Laudatierend © Girls go Movie

Und das war noch lange nicht alles, was ich in diesem Monat stemmen musste: Erst stand die Preisverleihung des Videowettbewerbs „Step Up against Violence against Women“ auf dem Programm. Dann ging es nach Mannheim, um beim Girls Go Movie Festival Mädchen* und junge Frauen* zu ihrer Berufswahl zu beraten und schließlich als Jury-Mitglied die Hauptpreise zu verleihen. Es folgten eine Grippe und ein Drehtermin für die KIKA-Sendung Timster (Ausstrahlungstermin ist der 20. Januar 2018). Eine Woche danach stand ich bei der gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung von langer Hand geplanten Veranstaltung Feminism and Popcorn auf der Bühne. Und nur wenige Tage später fuhr ich nach Lüneburg, um beim Film- und Medienforum Niedersachsen erstmalig selbst als Moderatorin einer Podiumsdiskussion aufzutreten.

Wie ich all das geschafft habe, ist mir rückblickend ein absolutes Rätsel. Zu meinen Ressourcen zählten aber neben meinen Freund_innen, die allabendlich tröstend und ermutigend auf meiner Couch saßen, definitiv die FILMLÖWIN und meine Leidenschaft für dieses Projekt. Danke an dieser Stelle auch an die Gastautor_innen, die im November und Dezember dazu beigetragen haben, dass neuer Content auf die Seite kam.

Film des Monats: Der lange Sommer der Theorie

© Real Fiction

Dezember

Und dann kam der Dezember, ein Monat ohne öffentliche Auftritte. Das Herz schmerzte, die Depression wurde mit jedem Tag, den es auf Weihnachten zuging, penetranter. Ich lenkte mich vor allem mit meiner Arbeit für den journalistinnenbund von der emotionalen Schieflage ab und versuchte – leider oft vergeblich – mir an den richtigen Stellen ein wenig mehr Ruhe zu gönnen. Zwischen den Jahren, das habe ich mir fest vorgenommen, möchte ich dieses Mal wirklich frei machen. Ich werde aber vermutlich dennoch nicht vermeiden können, aus purer filmischer Leidenschaft Filme und Serien zu sichten und vielleicht gar das eine oder andere Wort darüber zu verlieren.

Film des Monats: Clair Obscur

Für die schwarze Liste: Burg Schreckenstein 2

FILMLÖWIN is not going down!

Fazit und Ausblick

Beruflich ging es steil bergauf, privat bergab. Für das Jahr 2018 habe ich mir deshalb vorgenommen, mich auf jene Dinge zu konzentrieren, die mir Kraft geben: Mein Beruf und meine Freund_innen. Gelernt habe ich aus den vergangenen zwölf Monaten, dass sich harte Arbeit manchmal doch auszahlt und dass ich mich auf bestimmte feministische Diskussionen, wie beispielsweise die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder auch Sexismen im Kulturbetrieb, im privaten Bereich nicht mehr einlassen möchte – schon gar nicht mit Lebenspartner_innen. Dafür ist mir meine Zeit zu schade und mein Seelenheil zu wertvoll.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein großartiges Jahr 2018, bedanke mich aus vollstem Herzen für Eure Treue, Euer positives Feedback und all die Liebe, die darin zum Ausdruck kommt. Auf ein neues filmlöwisches Jahr!

RRROOOAAARRR!